Der Reichsadler mit ausgebreiteten Schwingen. Er steht auf einem Eichenkranz, darin ist das Hakenkreuz zu erkennen. Das Hoheitszeichen des ‚Dritten Reiches‘, gestempelt auf die Rückseite einer Zeichnung von Jakob Philipp Hackert. Sie hängt heute in einer Privatwohnung in Stockholm, im Wohnzimmer von Ann-Charlott Mörner.

Farbfotografie. Eine Frau mit langen Haaren zeigt auf eine Stelle auf der Rückseite eines Gemäldes.

Foto: rbb

„Ich wollte diese Stelle offenlassen, weil sie Geschichte zeigt“,

sagt sie. Es ist auch die Geschichte ihres Großvaters Friedrich Guttsmann, dem das Bild einst gehörte.

Sorgenfreie Jahre in Breslau und Berlin

Farbfotografie. Eine gerahmte ältere Fotografie einer Villa, davor ein Automobil.
Sommerhaus der Familie Guttsmann in Breslau.

Foto: rbb

Friedrich Guttsmann wird 1888 in eine jüdische Familie in Breslau geboren. Sein Vater ist dort Inhaber einer großen Maschinenfabrik.

Karriere in der Industrie

Friedrich Guttsmann macht eine Lehre zum Kaufmann. Im Ersten Weltkrieg kämpft er an der Front. 1919 zieht er nach Berlin und steigt dort in die Firma seines älteren Bruders ein, das Metallhüttenwerk Kurt Guttsmann. 1927 wird er Inhaber einer eigenen Firma, der Berliner Kranzbandfabrik. Diese geht 1932 in der Krefelder Seidenweberei Krahnen & Gobbers auf, die Besitzer übernehmen Guttsmann in einer gehobenen Führungsposition auf Lebenszeit.

Schwarzweiß-Fotografie. Ein Herr in Anzug und Krawatte, ein größerer und ein kleinerer Junge haben sich bei ihm untergehakt und schauen fröhlich in die Kamera.
Friedrich Guttsmann mit seinen beiden Söhnen.

Familienarchiv

„Ich verdiente sehr gut und lebte sorgenlos mit meiner Familie“,

resümiert Guttsmann rückblickend auf diese Zeit. 1920 heiratet er die Berlinerin Henriette Hosemann. Sie bekommen zwei Söhne, Heinz-Jürgen (geboren 1922) und Wolfgang (geboren 1925).

Unter dem Druck der NS-Gesetze

Schaubild auf vergilbtem Papier, geschrieben in Frakturschrift.
Tafel zum ‚Blutschutzgesetz‘, 1935.

Gemeinfrei 🔍 Über das Bild mit der Maus fahren, um zu vergrößern

Eingestuft als ‚Volljude‘

Das sorgenlose Familienleben endet mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Schrittweise werden Menschen, die als jüdisch definiert werden, entrechtet. Auch Friedrich Guttsmann gilt nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 aufgrund seiner ‚jüdischen Abstammung‘ als ‚Volljude‘, obwohl er 1911 zum evangelischen Glauben übergetreten ist.

Seine Ehe mit der nicht-jüdischen Henriette wird als ‚privilegierte Mischehe‘ eingestuft, ein Status, der zunächst etwas Schutz vor Verfolgung bietet.

Mit Schreibmaschine geschriebene Liste.
Aufstellung der verfolgungsbedingt verkauften Wertsachen der Familie, erstellt 1951 von Henriette Guttsmann. Die Hackert-Zeichnung ist hier nicht erwähnt.

Berlin, Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Entschädigungsamt, Reg. 50.917, Bl. D3v 🔍 Über das Bild mit der Maus fahren, um zu vergrößern

Ohne Einkommen

Doch 1936 verliert er seine hochrangige Position in der Seidenweberei, weil er aus Sicht der Nationalsozialisten ein Jude ist. Zwei Jahre lang ist Guttsmann arbeitslos. In dieser Notlage muss sich die Familie von Wertsachen und Möbeln trennen. Immerhin findet Guttsmann 1938 wieder einen Job: Die Korbfabrik Rappehecht-Woelm stellt ihn als einfachen Arbeiter ein.

„Da ich kein Vermögen besass, geriet ich mit meiner Familie sehr bald in […] richtige Not, da wir am Hungern waren.“

Grafik. Ein älterer Herr mit Brille nimmt ein Bild von der Wand.

BR / Ulrich Knorr

Verkauf an die Nationalgalerie

Doch als Arbeiter verdient Friedrich Guttsmann nicht genug, um die Familie zu ernähren. Deshalb trennt er sich im Mai 1939 auch von dem Kunstwerk „Auf Hiddensee“, das Jakob Philipp Hackert 1764 gezeichnet hatte. Die Nationalgalerie in Berlin erwirbt das Werk und setzt nach dem Kauf ihren Stempel auf die Rückseite: die Initialen N.G. für Nationalgalerie, darüber der Reichsadler und das Hakenkreuz.

Schwarzweißfotografie. Vierstöckiges Mehrfamilienhaus.
In diesem Haus in Berlin-Steglitz kommt Familie Guttsmann bei Henriettes Mutter unter, nachdem sie ihre eigene Wohnung verlassen musste.

Familienarchiv

Aus der Wohnung geworfen

Weil Friedrich Guttsmann als Jude nicht mehr geduldet wird, kündigt man der Familie ihre Mietwohnung am Südwestkorso. Die vier ziehen 1936 in die Wohnung von Henriette Guttsmanns Mutter in der Schildhornstraße 66. Bei ihr leben sie zur Untermiete.

Hilfe durch die Kirche

Abdruck eines handschriftlichen Briefes.
Friedrich Guttsmann: Brief an Pfarrer Gollwitzer, 19. Januar 1939.

Evangelisches Zentralarchiv in Berlin, EZA 686 / 987

Der Text des Briefes zum Nachhören.

Als Jude unerwünscht

Auch in der Schildhornstraße sind die Nachbarn nicht damit einverstanden, dass nun ein Jude mit im Haus lebt. Ein Mieter beschwert sich und die Hausverwaltung droht, die ganze Familie auf die Straße zu setzen, wenn Friedrich Guttsmann nicht freiwillig verschwinde. In seiner Not wendet sich Guttsmann an die evangelische Kirche.

Porträtfotografie schwarz-weiß, älterer Herr mit Schnauzbart.
Pfarrer Paul-Gerhard Braune (1887–1954), hier um 1935.

Archiv der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal

Schwarzweißotografie. Einstöckige Gebäude um einen parkähnlichen Innenhof, im Hintergrund eine Kirche.
Die Hoffnungstaler Anstalten Lobetal, um 1915.

Archiv der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal

Ein Angebot aus Lobetal

Friedrich Guttsmann erhält das Angebot, bei Pfarrer Braune im brandenburgischen Lobetal unterzuschlüpfen.

Pfarrer Braune leitet die Hoffnungstaler Anstalten Lobetal, ein Heim für bedürftige und beeinträchtigte Menschen nördlich von Berlin. In der Zeit des Nationalsozialismus nimmt er dort Juden und politisch Verfolgte unter falschem Namen auf und rettete so viele vor dem Zugriff der Nazis.

Guttsmann lehnt jedoch nach kurzem Aufenthalt ab, weil er fürchtet, es dort nicht auszuhalten. Zum Glück entspannt sich seine Lage wieder ein wenig, denn seine Frau hat die angedrohte Kündigung abwenden können. Friedrich Guttsmann darf bleiben.

Kinder in der Fremde

Für Guttsmanns Söhne wird es als sogenannte ‚Mischlinge 1. Grades‘ in Deutschland immer gefährlicher. Mit Hilfe der Schwedischen Kirche in Berlin, namentlich Birger Forell, bringt Friedrich Guttsmann im April 1939 Heinz-Jürgen und Wolfgang nach Schweden. Sie sind zu dieser Zeit 17 und 13 Jahre alt.

Hintergrund

„Was es für Eltern bedeutet, Kinder in diesem Alter in die Fremde zu schicken, ohne zu wissen, was aus ihnen wird, ist leicht nachfühlen“

Porträtfoto in schwarz-weiß. Mann mittleren Alters mit zurückgekämmten dunklen Haaren.
Birger Forell (1893–1958)

Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Birger Forell

Der schwedische Widerstandskämpfer Birger Forell war ab 1929 Pfarrer in der Schwedischen Kirche in Berlin. Er gewährte Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, Unterschlupf im Dachgeschoss des Gemeindehauses und versorgte sie mit Lebensmitteln und Papieren zur Ausreise. 1942 wurde er von der Gestapo aus Nazi-Deutschland ausgewiesen.

Amanda Gasser von der Schwedischen Victoriagemeinde Berlin über Birger Forell und sein Wirken.

Lebenslauf Wolfgang Guttsmanns, den er 1951 beim Berliner Entschädigungsamt einreichte, zum Nachhören (Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Entschädigungsamt, Reg. 51.058, Bl. M6).

Gestapo-Verhör und Zwangsarbeit

1942 verhört die Gestapo Friedrich Guttsmann und zwingt ihn, unter Androhung der Deportation, seinen jüngeren Sohn nach Deutschland zurückzuholen. Wolfgang Guttsmann wird 1944 in ein Zwangsarbeitslager der Organisation Todt verbracht. 1945 kann er fliehen, wird aber auf der Flucht von der sowjetischen Armee verhaftet und in ein Kriegsgefangenenlager gebracht. Bei seiner Entlassung ist er halb verhungert und schwer krank.

Emigration nach Schweden

1947 zieht Wolfgang zu seinem älteren Bruder Heinz-Jürgen ins südschwedische Ängelholm. Die Eltern folgen 1948. In Deutschland hält sie nichts mehr: Die beiden Brüder von Friedrich Guttsmann wurden in Konzentrationslagern ermordet, seine Mutter starb 1941 im jüdischen Krankenhaus in Berlin-Wedding, das von den Nazis als Sammellager missbraucht wurde.

Nach dem Krieg: Im Exil vereint

„Noch heute nach acht Jahren fahren wir vom Stuhl hoch, wenn es an der Entrée-Tür klingelt. Es ist nicht verwunderlich, dass ich durch diese Erlebnisse und den ewigen Druck, in dem wir lebten, herzkrank geworden bin.“

Farbfotografie, die sechs Erwachsene und zwei kleine Kinder zeigt.
Die Familie Guttsmann im Jahr 1958: Friedrich und Henriette mit ihren Söhnen, Schwiegertöchtern und ersten Enkelkindern.

Familienarchiv

Zum Zeitpunkt seiner Emigration ist Friedrich Guttsmann 61 Jahre alt, und die Repressionen und Schikanen des NS-Regimes haben ihre Spuren hinterlassen. Auf dem Arbeitsmarkt kann er nicht mehr Fuß fassen, und 1954 ist er wegen seiner Herzkrankheit berufsunfähig. Er stirbt 1959.

Restitution

Abbildung einer Visitenkarte, auf der handschriftliche Korrekturen zu lesen sind.
Visitenkarte in den Erwerbungsakten der Nationalgalerie. Der Name ist nicht selten, aber dank der Adresse kann Friedrich Guttsmann identifiziert werden.

Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv, I/NG 874, Bl. 216

Fast 60 Jahre später untersucht Hanna Strzoda, Provenienzforscherin am Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin, die „Sammlung der Zeichnungen“. In den Erwerbungsunterlagen der Zeichnung von Jakob Philipp Hackert stößt sie auf die Visitenkarte von Friedrich Guttsmann. Sie findet heraus, dass der Vorbesitzer des Bildes jüdisch war, und verfolgt die Spur weiter ins Entschädigungsamt. Hier erhärtet sich der Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Verkauf.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sucht daher die Nachkommen von Friedrich Guttsmann und gibt die Zeichnung zurück.

Zeichnung. Meer mit hohen Wellen, darauf ein Segelschiff, rechts hohe Felsen, davor am Strand drei Männer.
Jakob Philipp Hackert: Auf Hiddensee, Tuschpinselzeichnung, 1764. 2019 restituiert.

Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Jörg P. Anders

Farbfotografie. Eine Frau hält ein großes Bild, die Bildrückseite zeigt zum Betrachter.
Ann-Charlott Mörner mit der offenen Rückseite der Hackert-Zeichnung.

Foto: rbb

Ann-Charlott Mörner, die Tochter von Friedrichs jüngerem Sohn Wolfgang, hat ihren Großvater nicht mehr kennengelernt, denn er starb vor ihrer Geburt. Aber auch die anderen Familienmitglieder sprachen nicht von der Vergangenheit, den schrecklichen Jahren, in denen die Familie zerrissen war und unter äußerster Bedrohung lebte.

Die Restitution der Hackert-Zeichnung im Jahr 2019 war Anstoß, sich mit der Familiengeschichte zu beschäftigen, die sich seitdem wie ein Puzzle zusammensetzt. Ann-Charlott Mörner ist es wichtig, über diese Geschichte zu sprechen:

„Damit wir nicht vergessen.“

1951 stellte Friedrich Guttsmann einen Antrag auf Entschädigung. Alle oben genannten Zitate von ihm sind aus seinen Lebensläufen, die er dem Antrag hinzufügte (Berlin, Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Entschädigungsamt, Reg. 50.917).

Beitrag des Rundfunks Berlin-Brandenburg über Friedrich Guttsmann

Aus datenschutzrechlichen Gründen benötigt Vimeo Ihre Einwilligung um geladen zu werden.
Akzeptieren