Frankfurt am Main, unweit des Hauptbahnhofs. Eine kleine Seitenstraße in einem Neubaugebiet trägt den Namen Harry Fuld. So unscheinbar der Ort zunächst wirkt: Hinter dem Straßennamen verbirgt sich ein Unternehmer, der bahnbrechend für die Verbreitung von Telefonen in Deutschland war – „einer der Pioniere auf dem Markt der Telekommunikation“.

Ein Frankfurter Erfolgsmodell

Harry Fuld mit seinen drei Schwestern. Die Tochter seiner Schwester Hedwig ist die spätere Schriftstellerin Anna Seghers.

Aus: Leo Parth: Harry Fuld. Eine Lebensskizze (Privatdruck der Firma H. Fuld & Co., Frankfurt am Main), 1932

Harry Herz Salomon Fuld kommt 1879 in Frankfurt am Main zur Welt. Seine Mutter, geborene Goldschmidt, stammt aus einer Familie erfolgreicher Kunst- und Antiquitätenhändler. Sein Vater ist Mitinhaber der Kunsthandlung Goldschmidt. Er stirbt, als Harry drei Jahre alt ist.

Harry Fuld macht eine kaufmännische Ausbildung. Obwohl er sich sehr für Kunst interessiert, kann er zu seiner großen Enttäuschung nicht in die Kunsthandlung einsteigen – die Familie mütterlicherseits sieht hier keinen Platz mehr für ihn.

Prospekt der neu gegründeten Telefongesellschaft H. Fuld & Co.

Firmenarchiv, über www.gvit.de

Mit 19 Jahren gründet Harry Fuld ein eigenes Unternehmen, die „Deutsche Privat-Telefongesellschaft H. Fuld & Co“. Er vermietet betriebsfertige Telefonanlagen, ein in Deutschland bislang unbekanntes Geschäftsmodell.

Der Kauf eines Telefons für private oder geschäftliche Zwecke war davor mit hohen Kosten verbunden: Die Installation war aufwendig und es fielen häufig Reparaturen an. Mit dem Vermieten im günstigen Abo-Modell hat Fuld großen Erfolg.

Fernsprechtischapparat „Modell Frankfurt“ der H. Fuld & Co. Telephon- und Telegraphenwerke AG, 1932.

Museumsstiftung Post und Telekommunikation, 4.2008.1199. CC BY SA 4.0

Fuld & Co Telefon und Telegrafen Werke, Zeichnung der Fabrikgelände, Mainzer Landstraße 134-140 und Höchster Straße 83, 1926.

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt a. M., S7A, Nr. 1998-29559

Bald lässt Fuld auch Telefone selbst produzieren. Die Firma wächst rasant, baut innerhalb weniger Jahre ein großes Netz an Filialen auf und gehört um 1930 zu den führenden Industrieunternehmen Europas.

Die Villa in der Douglasstraße 9 in Berlin-Grunewald.

Foto: Ralph Etter, 2025

Schwarz-Weiß-Fotografie: ein mit Möbeln, Wanddekoration und Gemälden ausgestatteter Raum
Salon der Fulds in der Berliner Douglasstraße.

Landesarchiv Berlin, B Rep. 025-07 Nr. 4884/59 Foto 4b / Foto: Waldemar Titzenthaler 🔍 Über das Bild mit der Maus fahren, um zu vergrößern

Harry Fuld heiratet dreimal. Aus den beiden ersten Ehen geht jeweils ein Sohn hervor: Harry Fuld junior (geb. 1913) und Peter Harry Fuld (geb. 1921).

Mit seiner dritten Ehefrau Lucie zieht Fuld 1929 von Frankfurt nach Berlin, wo das Ehepaar eine prächtig ausgestattete Villa in Berlin-Grunewald bewohnt.

Kunst bleibt Leidenschaft

Giovanni di Paolo di Grazia: Die Einkleidung der Heiligen Klara durch den Heiligen Franziskus, um 1455. Aus der Sammlung Harry Fuld, 2019 an die Erb:innen restituiert.

Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders 🔍 Über das Bild mit der Maus fahren, um zu vergrößern

Fuld macht die Kunst zwar nicht zum Beruf, beschäftigt sich aber weiter intensiv damit und baut eine kostbare Kunstsammlung auf. Georg Swarzenski, der Direktor des Städel Museums in Frankfurt am Main, berät ihn dabei.

Außerdem ist Fuld sowohl als Förderer als auch als Leihgeber von Kunstwerken eng mit der Frankfurter Museumswelt verbunden.

„Orient – Mittelalter – Exotik – Moderne!“

Georg Swarzenski über die Kunstsammlung Harry Fulds, 1918

Henri Matisse: Paysage, le mur rose, 1898. Aus der Sammlung Fuld, restituiert 2008, 2010 angekauft für das Jüdische Museum Frankfurt.

Jüdisches Museum Frankfurt

Die Kunstsammlung Harry Fulds ist äußerst vielfältig. Sie umfasst mittelalterliche Skulpturen und Gemälde, asiatische Kunst und Kunsthandwerk ebenso wie zeitgenössische Malerei, darunter Werke von Emil Nolde, Paul Klee und Henri Matisse.

Harry Fulds Arbeitszimmer.

Aus: Leo Parth: Harry Fuld. Eine Lebensskizze (Privatdruck der Firma H. Fuld & Co., Frankfurt am Main), 1932

Harry Fuld besitzt auch viele Werke christlicher Kunst, die ihn umgeben. In seinem Büro hängt zum Beispiel ein fast lebensgroßes Kruzifix. Zu seiner Zeit ist er nicht der einzige Sammler mit jüdischem Hintergrund, der Kunst mit christlichen Motiven hat.

Kreuztragung Christi aus Alabaster, Mittelrhein, um 1440. Aus der Sammlung Harry Fuld, restituiert 2009. Dauerleihgabe der Ernst von Siemens Kunststiftung im Bode-Museum.

Staatliche Museen zu Berlin, Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst / Antje Voigt 🔍 Über das Bild mit der Maus fahren, um zu vergrößern

Aber nicht nur das: Das hier abgebildete Relief mit der Kreuztragung Christi zeigt unter den umstehenden Personen herabwürdigende, stereotype Darstellungen von Juden, die die Szene Grimasse schneidend oder mit heruntergelassener Hose begleiten. Solche antisemitischen Motive waren in der oft judenfeindlichen Gesellschaft und der christlichen Kunst des Spätmittelalters nicht ungewöhnlich.

Nach einem rastlosen Arbeitsleben erliegt Harry Fuld 1932 auf einer Geschäftsreise in Zürich einem Herzinfarkt. Er hinterlässt seine dritte Ehefrau Lucie sowie die beiden Söhne aus erster und zweiter Ehe. Harry Fuld junior ist damals 18 und Peter Fuld 10 Jahre alt.

Flucht und Enteignung

Der immense Erfolg des Fuld-Konzerns ruft schon Jahre vor dem nationalsozialistischen Regime neidische Konkurrenten und eifrige Nazis auf den Plan. Kaum ist Hitler Ende Januar 1933 an der Macht, wird im Februar ein Boykott über den Konzern verhängt. Unter diesem Druck geben die jüdischen Mitinhaber ihre Anteile an der Firma ab, viele verlassen Deutschland und werden später vom NS-Staat ausgebürgert.

Fulds Witwe, Lucie Mayer-Fuld, heiratet 1934 erneut. Als Jüdin verfolgt, flüchtet sie 1939 mit ihrem Mann Acatiu Mayer-Fuld über Frankreich und Südamerika nach New York.

Harry Fuld junior kommt 1933 von einem Auslandsaufenthalt zurück, kann aber nicht, wie es geplant war, im väterlichen Konzern arbeiten. Die Verdrängung von Juden:Jüdinnen aus dem deutschen Wirtschaftsleben schreitet unerbittlich voran.

Fuld junior verlässt gezwungenermaßen das Land. Er geht erst nach Wien und 1937 nach England.

Peter Fuld im Jahr 1945.

University of Toronto Archives. Torontonensis, vol. 47 (1945), p. 43.

Peter Fuld, der jüngere der beiden Halbbrüder, steht zunächst noch unter dem Schutz seiner Mutter, die keine Jüdin ist. Sie schickt ihn 1937 auf eine Schule in die Schweiz. Danach nimmt Peter ein Studium in England auf.

Harry Fuld als ‚feindlicher Ausländer‛: Akte zu seiner Internierung.

The National Archives (UK), ref. HO396/152 🔍 Über das Bild mit der Maus fahren, um zu vergrößern

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 befinden sich beide Brüder in England, aber sie sind nun auch hier nicht mehr sicher: Als deutsche Staatsbürger gelten sie als ‚enemy aliens‛, als feindliche Ausländer. Sie werden verhaftet und in Internierungslager gebracht: Harry Fuld junior in Australien, Peter Fuld in Kanada.

Später kehren sie nach Europa zurück. Harry Fuld junior lebt von 1943 bis zu seinem Tod 1963 in London. Peter Fuld studiert nach seiner Entlassung Jura in Kanada, kehrt jedoch nach Kriegsende nach Europa zurück und stirbt 1962 in seiner Geburtsstadt Frankfurt am Main. Keiner der beiden hinterlässt Kinder.

Vorbesichtigung zur Auktion bei Hans W. Lange im Januar 1943. Viele der hier gezeigten Kunstwerke stammen aus der Sammlung Harry Fuld.

Archiv Friedrich Wolters, Coesfeld 🔍 Über das Bild mit der Maus fahren, um zu vergrößern

Die von Harry Fuld senior zusammengetragene Kunstsammlung wird auf seine drei Erben aufgeteilt. Viele Werke bleiben bei der Ausreise von Lucie, Harry junior und Peter in Deutschland zurück. So können sich die NS-Behörden Zugriff darauf verschaffen.

Der Kunstbesitz aus der Grunewald-Villa, die Harry Fuld senior und Lucie zuletzt bewohnten, wird am 10. Juli 1940 im Auktionshaus Walther Achenbach in Berlin zwangsversteigert.

Harry Fuld junior lässt wertvolle Einrichtungsgegenstände und Kunstwerke aus seinem Erbteil bei einer Spedition in Berlin einlagern. Dort werden sie beschlagnahmt und vom 27.-29. Januar 1943 beim Auktionshaus Hans W. Lange in Berlin zwangsversteigert.

Weitere Kunstwerke aus der Sammlung Fuld befinden sich noch am Firmensitz in Frankfurt am Main, wo sich eine Nachlassverwaltung der Familie darum kümmert. Das Finanzamt enteignet dort ein Spitzenwerk chinesischer Kunst: die mehr als 1000 Jahre alte Büste eines Mannes (Lohan) aus Keramik.

Büste eines Mannes (Lohan) aus Keramik, 10. Jahrhundert n. Chr. Aus der Sammlung Fuld, heute kriegsbedingt verlagert in St. Petersburg.

Aus Leo Parth: Harry Fuld. Eine Lebensskizze, o. J. (1932)

Stellungnahme des Generaldirektors der Staatlichen Museen zu Berlin an den Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, 1.10.1943.

Zentralarchiv, Staatliche Museen zu Berlin, I/MV, OAK 7, Bl. 207v 🔍 Über das Bild mit der Maus fahren, um zu vergrößern

Die Lohan-Büste aus der Sammlung Fuld: Museen als Profiteure

Im September 1943 fordert der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung die Staatlichen Museen zu Berlin auf, sich zu der Lohan-Büste zu äußern. Der Generaldirektor wird sofort aktiv und versucht, das herausragende Kunstwerk in seine Sammlungen zu holen. Dabei ist ihm durchaus bewusst, woher es kommt: „Dass der frühere jüdische Besitzer einmal die Büste der Stadt Frankfurt zu schenken beabsichtigte, mag zutreffen. Seine Wünsche dürften aber heute nicht mehr ins Gewicht fallen.“ Er ergänzt, dass die Berliner Museen „bisher bei der Verwertung jüdischen Kunstbesitzes völlig übergangen worden sind.“

Es folgt ein Briefwechsel, in dem sowohl Berlin als auch Frankfurt das Stück heftig für sich beanspruchen. Schließlich spricht sich der Reichsminister für Berlin aus. Die Staatlichen Museen zu Berlin erwerben die Büste im Januar 1944.

Aber das Werk kommt auch nach der Herrschaft der Nationalsozialisten nicht zur Ruhe: Nach Kriegsende wird es von sowjetischen Truppen nach St. Petersburg gebracht, wo es sich noch heute befindet.

Restitutionen

Restituiert 2012, durch Ankauf verblieben im Kunstgewerbemuseum: Stofffragment aus der Sammlung Harry Fuld.

Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum / Barbara Schröter

Giovanni di Paolo di Grazia: Die Heilige Klara rettet Schiffbrüchige, um 1455. Aus der Sammlung Harry Fuld, 2019 an die Erb:innen restituiert.

Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders 🔍 Über das Bild mit der Maus fahren, um zu vergrößern

Die Erb:innen Harry Fulds beantragen nach dem Krieg Wiedergutmachung und Entschädigung für ihre Verluste. Manche der verfolgungsbedingt entzogenen Kunstwerke können aber erst Jahrzehnte später in verschiedenen Museumssammlungen identifiziert werden.

Auch die Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz können ab 2009 mehrere Werke aus der Sammlung Fuld zurückgeben beziehungsweise gerechte und faire Lösungen mit den Erb:innen finden.

Daniel Burger, Chef der MDA UK, erzählt die Geschichte Fulds beim Filmdreh in Berlin, Dezember 2025.

Foto: Ralph Etter

Die Erben von Harry Fuld junior

Bevor Harry Fuld junior 1963 kinderlos stirbt, setzt er Gisela Martin als Erbin ein. Wir wissen nicht, was die beiden miteinander verbunden hat: Waren sie befreundet oder ein Paar? Führte sie seinen Haushalt? Gisela Martin jedenfalls vererbt ihr Hab und Gut später einer Förderorganisation in Großbritannien, die zum Rettungsdienst Magen David Adom (Roter Davidstern) in Israel gehört. Die Organisation ist Teil der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung.

Blutzentrum der Magen David Adom (MDA) in Ramla, Israel.

MDA UK

Der Nachlass rettet Leben

Das Erbe Martins umfasst zunächst keine großen Wertsachen. Doch dann kommt heraus, dass sich dahinter Kunstwerke aus der bedeutenden Sammlung Fuld verbergen, die in der Zeit des Nationalsozialismus enteignet und zerstreut wurde. Mit den ersten Restitutionen ist das Erbe Gisela Martins und damit Harry Fulds junior plötzlich eine ganz große Sache.

Die Magen David Adom finanziert unter anderem damit den Bau eines wichtigen Gebäudes in Israel: Die Blutspenden, die dort gelagert werden, entscheiden über Leben und Tod – unabhängig vom religiösen Hintergrund der Bedürftigen.

Plakette zur Erinnerung an Harry Fuld.

MDA UK

In dem Gebäude erinnert heute eine Plakette an Harry Fuld senior und das Schicksal seiner Kunstsammlung.

The Fuld Files: Film über Harry Fuld

Mit englischen und deutschen Untertiteln

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