„Jeder Stein birgt eine Erinnerung… könnten die Steine reden, sie würden uns sagen, daß in wenigen Städten Liebe und Haß so gewütet haben wie hier…“
Foto: Ein Taschenbuch mit der Abbildung eines historischen Stadttores.
Mit 23 Jahren schreibt Mayer diesen Reiseführer.

Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Das schreibt August Liebmann Mayer über Toledo. Nach seiner Promotion in Berlin über den spanischen Maler Jusepe de Ribera reist er 1908 durch Europa. Mehrere Wochen verbringt er in Spanien.

Von Toledo ist er so fasziniert, dass er einen Reiseführer über die alte Kaiserstadt verfasst.

Bartolomé Esteban Murillo, Trauben- und Melonenesser, um 1645, Bayerische Staatsgemäldesammlungen - Alte Pinakothek München
Bartolomé Esteban Murillo: Trauben- und Melonenesser, um 1645.

Bayerische Staatsgemäldesammlungen - Alte Pinakothek München 🔍 Über das Bild mit der Maus fahren, um zu vergrößern

A

us dem schmalen Bändchen spricht Mayers Liebe zu Spanien und zur spanischen Kunst.

Vielleicht zieht es ihn deshalb nach München: In der Alten Pinakothek gibt es eine bedeutende Sammlung spanischer Malerei. 1909 wird er – zunächst unbesoldet – als wissenschaftlicher Mitarbeiter eingestellt.

Historisches Foto in Schwarzweiß von August Liebmann Mayer, Studioporträt, um 1925. Er ist Ende 30, Haare gescheitelt, Schnauzer, Brille, trägt Dreiteiler, Fliege und Einstecktuch.
August Liebmann Mayer, um 1925.

Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Eine glänzende Karriere

Vom unbezahlten Mitarbeiter steigt August Liebmann Mayer rasch zum geachteten Experten auf.

Er forscht und publiziert unermüdlich. Allein im Jahr 1913 erscheinen von ihm vier Bücher und zwölf Aufsätze im In- und Ausland. Für seine Verdienste um die spanische Kunst wird er in Spanien zweimal mit Orden geehrt.

Neben seiner Museumstätigkeit macht er in der Wissenschaft Karriere, lehrt als Professor an der Münchner Universität. Auch im Kunsthandel ist Mayer als Gutachter sehr gefragt. Er ist international hoch geachtet und gilt als einer der bedeutendsten Kunsthistoriker seiner Zeit. Bis heute haben seine Schriften Gültigkeit und werden immer noch zitiert.

Skulpturen aus der Sammlung August Liebmann Mayers. Seite aus dem Versteigerungskatalog der Galerie Hugo Helbing, München, November 1933

Die private Kunstsammlung

Mayer sammelt selbst Kunst aus sämtlichen Stilepochen. Er besitzt mehrere Ölgemälde, darunter ein Stillleben von Renoir, Zeichnungen namhafter Künstler wie Corinth und Lehmbruck und über zwanzig antike und mittelalterliche Skulpturen.

Historische Aufnahme von 1905, Kellner und Bedienstete vor dem Eingang des Cafés.
Café Stefanie, 1905.

Wikimedia commons, gemeinfrei

Auch als Schriftsteller aktiv

Mayer verfasst nicht nur kunstwissenschaftliche Schriften, sondern übersetzt auch Werke aus dem Spanischen und schreibt Romane, die jedoch nicht zur Veröffentlichung gelangen.

Einen dieser Romane lässt Mayer im Café Stefanie beginnen, ein bei der Münchner Bohème beliebtes Café. Dort geht auch er ein und aus, denn er gehört zu den künstlerischen und intellektuellen Kreisen Schwabings.

Ovales Porträtfoto von Aloisia Mayer, die ihre kleine Tochter auf dem Schoß hält, ca. 1932. Aloisia Mayer ist elegant gekleidet und sorgfältig frisiert, sie lächelt zurückhaltend.
Aloisia und Angelika Mayer.

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1930 Familienglück

1920 heiratet August Liebmann Mayer Aloisia Däuschinger, die aus der Tschechoslowakei stammt. Im Februar 1930 kommt ihre gemeinsame Tochter Angelika zur Welt.

Doch das Jahr, das so glücklich beginnt,
markiert auch das Ende von Mayers Karriere.

Zeitungsausschnitt mit Schlagzeile Streit zwischen Münchener Kunstgelehrten und Foto von Wilhelm Pinder und August Liebmann Mayer.
Zeitungsausschnitt

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Aufgrund seiner erfolgreichen Gutachtertätigkeit gerät er in das Visier neidischer Fachkollegen, die ihm in polemischer Weise Bereicherung, Unwissenschaftlichkeit und Korruption vorwerfen.

Im Sommer 1930 beginnt eine Hetzkampagne, die unter anderem von Ernst H. Zimmermann, dem Direktor des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, und den Kunsthistorikern Wilhelm Pinder und Luitpold Dussler betrieben wird.

So spricht Zimmermann gegenüber dem bayerischen Kultusministerium von „jüdischen Doktoren, die mehr Händler als Kunsthistoriker“ wären.

Rücktritt aus Erschöpfung

Mayer erträgt die Hetzkampagne nicht mehr. Im Januar 1931 bittet er um seine Entlassung aus dem Staatsdienst:

„Die Angriffe und Verdächtigungen, die gegen mich von verschiedenen bayerischen Beamten und Kunsthistorikern unternommen bzw. erhoben worden sind, zeigen mir, dass ich einer grösseren Gruppe bayerischer Beamter nicht genehm bin… Wenn ich auch dem Ausgang eines Disziplinarverfahrens mit Vertrauen entgegensehen könnte, so fühle ich mich doch den Aufregungen eines derartigen Prozesses nicht gewachsen, zumal schon jetzt meine Nerven infolge der seit Monaten dauernden Hetzereien schwer gelitten haben.“

Porträtfotografie, schwarz-weiß, die Friedrich Dörnhöffer zeigt.
Friedrich Dörnhöffer ist seit 1915 bis zu seinem Ruhestand 1933 Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Der Direktor der Pinakothek, Friedrich Dörnhöffer, stellt sich hinter seinen Mitarbeiter. Er fügt dem Entlassungsgesuch Mayers ein Begleitschreiben bei, in dem er ihn vor den Vorwürfen in Schutz nimmt und seinen Fleiß und seine Expertise lobt.

Friedrich Dörnhöffer verteidigt seinen Mitarbeiter (Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Akte 3/2b, Dörnhöffer, Korrespondenz 1916-1933).

August Liebmann Mayer steht mit seiner dreijährigen Tochter Angelika im Garten.
August L. Mayer mit seiner Tochter Angelika in Tutzing bei München, 1933.

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Die Anfeindungen gehen weiter

Doch der Rücktritt reicht nicht aus, die Angriffe der Kollegen gehen weiter und werden unverhohlen antisemitisch.

Der „Völkische Beobachter“, die Propagandazeitung der NSDAP, bezeichnet Mayer als „jüdischen Kunstparasiten“ und „Expertisenschwindler“. Als die Nazis an die Macht kommen, wird Mayer von der Gestapo im März 1933 in ‚Schutzhaft‘ genommen. Er versucht, sich das Leben zu nehmen.

Das erschüttert seinen ehemaligen Chef Friedrich Dörnhöffer – er setzt sich für seine Entlassung ein. Im Juli 1933 kommt Mayer frei.

Seite aus dem Versteigerungskatalog, auf dem ein Gemälde und mittelalterliche Buchmalereien abgebildet sind.
Versteigerungskatalog Auktionshaus Helbing, 1933. In der Mitte das später restituierte Bild „Maria mit dem Kinde“.

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Völlig mittellos

Die Nationalsozialisten beschlagnahmen Mayers Besitz, versteigern seine Möbel und die wertvolle Kunstsammlung. Als Jude wird er aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen. In seiner beruflichen und privaten Existenz vernichtet, flieht Mayer mit seiner Familie 1935 nach Paris. Dank der Unterstützung durch Freunde kann er seine Bibliothek und einige wenige Kunstwerke mitnehmen.

Eleganter Straßenzug, auf einer Seite von Arkaden gesäumt, auf der anderen Seite von einer mit Gittern begrenzten Parkanlage.
Rue de Rivoli, Paris, 1940.

Bundesarchiv, B 323 Bild-0311-004

Auch in Frankreich verfolgt

In Paris kann die Familie erst einmal aufatmen. Mayer arbeitet weiter als Kunstexperte. Er wohnt mit seiner Familie nicht weit vom Louvre, in einer Parallelstraße der Rue de Rivoli.

Historische Fotografie: Deutsche Soldaten in Wehrmachtsuniform vor dem Eiffelturm in Paris.
Deutsche Soldaten in Paris, Juni 1940.

Bundesarchiv, Bild 183-L12796 / Heinz Boesig

Doch dann greift 1940 die deutsche Wehrmacht Frankreich an.

Nun gilt Mayer, weil er aus Deutschland kommt, als ‚feindlicher Ausländer‘ und wird deswegen von den französischen Behörden nach Südfrankreich in ein Internierungslager verbracht.

Porträtfotografie von Aloisia Mayer. Sie stützt ihr Kinn auf ihre gefalteten Hände. Ihr Haar ist sorgfältig frisiert. Sie trägt Schmuck und eine zierliche Uhr.
Aloisia Mayer

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Nach dem Waffenstillstand zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich wird Mayer freigelassen.

Doch nach Paris kann er nicht zurückkehren, denn es steht nun unter deutscher Besatzung. Stattdessen bleibt er im noch unbesetzten Süden.

Er hofft, dass seine Familie ihm nachfolgt. Doch seine Frau Aloisia ist schwer krank. Sie stirbt im August 1941.

Angelika Mayer ist erst elf Jahre alt. Freunde der Familie finden für sie ein Internat in Nizza, das Institut Massenès, dessen Direktorin für die Rettung jüdischer Kinder kämpft.

Historische Fotografie, schwarz-weiß. Zahlreiche gerahmte Bilder unterschiedlicher Größe lehnen an der Wand.
Ein Bildermagazin des ERR in Paris.

Bundesarchiv, 323 Bild-0311-031

Historische Fotografie, schwarz-weiß. Zahlreiche Holzkisten lagern in der Halle eines Warenhauses.
ERR-Lager Paris, Lager mit Holzkisten.

Bundesarchiv, 323 Bild-0311-029

Raubzug in Paris

Unterdessen wird die Wohnung Mayers in Paris vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) geplündert. Die wenigen ihm noch verbliebenen Kunstwerke und seine Bibliothek werden nach Deutschland verbracht, mehrere Kunstwerke werden direkt an Hermann Göring geschickt, der eine eigene Privatsammlung aufbaut.

Der untergetauchte Kunstexperte

August Liebmann Mayer versucht, obwohl er verfolgt wird, weiterhin seinen Lebensunterhalt als Kunstexperte zu verdienen.

Er wechselt häufig den Wohnort und arbeitet unter dem Pseudonym Henri Antoine.

Historische Fotografie, schwarz-weiß. Viergeschossiger, langer Gebäudekomplex, umgeben von einem hohen Zaun. Ein Mann in französischer Uniform steht am Tor zum Innenhof, in dem sich eine große Menschenmenge befindet.
Der Eingang zum Sammel- und Durchgangslager Drancy.

Bundesarchiv, Bild 183-B10919

Verrat und Ermordung

Schließlich wird Mayer von einem französischen Kunsthändler verraten. Am 3. Februar 1944 verhaftet ihn die Gestapo. Mitarbeiter des ERR versuchen, dem Inhaftierten noch Informationen über den Verbleib von Kunstwerken abzupressen.

Dann wird er über das Durchgangslager Drancy nach Auschwitz deportiert und dort unmittelbar nach seiner Ankunft am 12. März 1944 ermordet.

Die verwaiste Tochter

Zu diesem Zeitpunkt ist Angelika Mayer 14 Jahre alt. Sie ist nun Vollwaise und staatenlos. Dank der Hilfe von Freunden ihrer Eltern überlebt sie.

1951 geht sie in die USA, wo sie ein Studium der Kunstgeschichte aufnimmt.

Sie strengt ab 1954 verschiedene Entschädigungsverfahren mit bundesdeutschen Behörden an.

Für die Vermögensschäden ihres Vaters, den Verlust der Kunstsammlung und der Bibliothek erhält sie im Jahr 1963 2.500 Deutsche Mark.

Fotografie eines älteren Herrn in Anzug und Krawatte vor einem großen Bilderrahmen.
Ernst H. Zimmermann, 1950er Jahre.

Staatliche Museen zu Berlin, Zentralarchiv

Mayers Verfolger setzen ihre Karrieren ungehindert fort

Die Verfolger Mayers setzen ihre Karrieren nach dem Krieg unbehelligt fort.

Ernst H. Zimmermann beispielsweise, der an der Hetzkampagne 1930 maßgeblich beteiligt war, wird Museumsdirektor in Berlin, bekommt in den 1950er Jahren das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Luitpold Dussler wird trotz seiner Parteimitgliedschaft und seiner Beteiligung an der Verfolgung Mayers 1947 Professor an der Technischen Universität München.

Restitution

Foto: Vier gerahmte Gemälde unterschiedlicher Größe ausgestellt vor einer Holzvertäfelung.
Die Bilder am Tag ihrer Übergabe.

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Gemälde einer sitzenden, elegant gekleideten Dame mit Hut, die ernst nach unten blickt.
Wilhelm Thöny: Auf einem Stuhl sitzende Dame, 1913.

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Auf der Auktion war das Bild fälschlicherweise Besozzo zugeschrieben worden. Gemälde: Maria mit dem Kind auf dem Arm und drei weiteren Heiligen auf Goldgrund.

Angelika Mayer erhält Bilder zurück

Bei ihrer Provenienzforschung stoßen die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen auf vier Gemälde, die aus der Kunstsammlung August Liebmann Mayers stammen.

2010 werden diese Gemälde auf Basis der Washingtoner Prinzipien an seine damals 80jährige Tochter Angelika Mayer restituiert.

Foto: Bronzebüste eines Mannes.
Edwin Scharff: August Liebmann Mayer. Bronzebüste, 1917.

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Gedenken an den verfolgten Kollegen

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen besitzen seit 1918 eine Porträtbüste Mayers.

Der Bildhauer Edwin Scharff, ein Freund des Kunsthistorikers, hat sie geschaffen.

2015 wird die Büste aus dem Depot geholt und vor dem Büro des Generaldirektors in der Neuen Pinakothek in München aufgestellt. Damit erinnern die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen an ihren verfolgten und ermordeten Kollegen.

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