Weiße Guanyin Figur aus China.
Chinesische Guanyin Figur aus der Kangxi-Periode, um 1700, aus der Sammlung Wollf.

Koller Auktionen Zürich, 2012.

Julius Ferdinand und Johanna Sophie Wollf waren 25 Jahre lang Teil der Kulturlandschaft Dresdens. Mit der ‚Machtübernahme‛ der Nationalsozialisten wurden sie zunehmend verdrängt. Heute gibt es kaum noch Spuren von dem Ehepaar in ihrer Wahlheimat Dresden.

Kindheit am Rhein

Historische Fotografie der Pfaffendorf Brücke in Koblenz.
Theodor Creifelds: Blick auf die Koblenzer Pfaffendorf Brücke, um 1870.

Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Julius Wollf kommt am 22. Mai 1871 in Koblenz zur Welt. Sein Vater, Ferdinand Wollf, betreibt mit Bruder Adolph die Weinhandlung A. Wollf und Com. Mutter Marianne, geborene Kleineibst, stammt aus Braunfels an der Lahn. Die Familie lebt ihren jüdischen Glauben, Julius‘ Großvater Martin ist Kantor der jüdischen Gemeinde Koblenz. Gemeinsam mit seinen Eltern und Geschwistern Rosalie, Klara, Frieda Emma und Max lebt er in der Friedrichstraße 30 in Koblenz.

Historische Postkarte in Vollfarbe. Blick auf die Mannheimer Neckarvorstadt mit Neckarbrücke.
Blick auf die Mannheimer Neckarstadt, um 1917.

Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Im Juni 1881 stirbt Ferdinand Wollf in der Heil- und Pflegeanstalt Andernach. Gemeinsam mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder Max zieht Julius nach Mannheim. Die drei Schwestern bleiben in Koblenz. In Mannheim lebt bereits sein Onkel Julius. Vermutlich nimmt er aufgrund dieser Namensdoppelung dort den Beinamen „Ferdinand“ an.

Illustrierte Ansicht des Karlsruher Hoftheaters auf einer historischen Postkarte.
Max Frey: Das Karlsruher Hoftheater, um 1900.

Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

In Mannheim lernt Julius Ferdinand seine zukünftige Ehefrau Johanna Sophie, geborene Gutmann, kennen. Johanna Sophie kommt am 18. Oktober 1877 in Mannheim zur Welt. Über ihre Kindheit und Familie ist wenig bekannt, Abbildungen von ihr sind nicht bekannt. Sie heiraten im Jahr 1898.

Nach dem Studium der Philosophie, Geschichte, Volkswirtschaft, Kunst und Literatur wird Wollf Dramaturg am Hoftheater in Karlsruhe. Hier ist auch sein Cousin Karl Wollf, Sohn von Onkel Julius, angestellt, mit dem er in Mannheim aufgewachsen war.

Der Beginn einer journalistischen Karriere

Historische Fotografie der Villa Wollf.
Die repräsentative Stadtvilla der Wollfs in der Palaisstraße 6 (ab 1937 Franz-Liszt-Straße 6) steht in unmittelbarer Nähe zum Großen Garten.

Fotograf unbekannt, via altesdresden.de

Im Jahr 1899 beginnt Wollf seine journalistische Karriere in München bei der „Münchner Zeitung“. Diese wird von August Huck herausgegeben, der Julius Ferdinand Wollf nur wenige Jahre später zum Geschäftsführer des Verlags Neueste Nachrichten, Wollf & Co., der die „Dresdner Neuesten Nachrichten“ herausgibt, ernennt.

In Dresden bezieht das Ehepaar zuerst eine Wohnung in der Anton-Graff-Straße 21 in Dresden-Striesen. 1916 ziehen sie in eine repräsentative Villa an der Südseite des Großen Gartens. Dort befinden sie sich in nächster Nähe einiger der bekanntesten Dresdnerinnen und Dresdner.

Kolorierte Postkarte mit Abbildung des Dresdner Schauspiehaus.
Das Dresdner Schauspielhaus 1915.

Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Als Theaterkritiker und Chefredakteur der DNN hat Wollf in den folgenden 30 Jahren entscheidenden Einfluss auf das kulturelle Leben Dresdens. Sein Einsatz gilt verschiedenen Themen, denen er umfassende Berichte in seiner Zeitung widmet. Er war zudem 1922 Mitorganisator der Gerhart-Hauptmann-Festtage am Dresdner Schauspielhaus in Anwesenheit des Schriftstellers, Mitglied im Dresdner Rotary-Club und Mitbegründer der Dresdner Schopenhauergesellschaft, die 1927 einen großen internationalen Kongress in Dresden veranstaltete.

Wollf ist seinem Berufsstand sehr verbunden und bekleidet ab Oktober 1921 die Rolle des zweiten stellvertretenden Vorsitzenden des 1894 gegründeten Vereins der Deutschen Zeitungs-Verleger (VDZV).

Der medizinischen Aufklärung gewidmet

Historische Fotografie der Grundsteinlegung am Deutschen Hygienemuseum Dresden.
Julius Ferdinand Wollf wohnt der Grundsteinlegung des Deutschen Hygienemuseums Dresden bei.

Deutsches Hygienemuseum Dresden

Außerdem engagiert sich Wollf sowohl in seinen Texten als auch in privat für medizinische Aufklärung. Unter Verlegern spricht er sich 1927 dafür aus, dass nur medizinisches Fachpersonal zu medizinischen Themen Zeitungsbeiträge machen sollte. Durch seine enge Freundschaft zu Karl August Lingner, Dresdner Unternehmer und Gründer von Odol, ist er im Vorfeld und dann als Vorstandsmitglied an der Gründung des Deutschen Hygienemuseums in Dresden beteiligt.

Plakat zur Ersten Hygieneausstellung 1911 in Dresden.
Plakat zur Ersten Hygieneausstellung 1911, gestaltet von Franz von Stuck.

Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Auch am Ausstellungsleben der sächsischen Landeshauptstadt beteiligt sich Wollf rege. Schon 1911 arbeitet er an der ersten Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden mit. 1927 engagieren sich Wollf und die Deutsche Verlegerschaft an der fünften Jahresschau Deutscher Arbeit mit dem Titel „Das Papier“. Wenig später nimmt er im Rahmen der Zweiten Internationalen Hygiene-Ausstellung 1931 eine Rolle im Präsidium ein.

Faszination Kunst

Handzeichnung des Grundrisses vom Haus des Ehepaar Wollf.
Gedächtnisskizze von Katharina Wyler-Salten, die die Einrichtung des Hauses Wollf in der Franz-Liszt-Straße 6 zu Lebzeiten des Ehepaares zeigt.

Privatbesitz, Israel

Doch auch die Kunst gehört zu den Interessen der weltgewandten Eheleute. Von ihrer eigenen Sammlung gibt es nur noch wenige Zeugnisse. In einem 1956 verfassten Gedächtnisprotokoll berichtet Emmy Mraczek, Freundin des Ehepaares, von den Kunstschätzen in der Franz-Liszt-Straße 6:

Das Haus von Julius Wollf war wohl mit das wertvollste Haus in Dresden; man kann sagen, dass jedes einzelne Stück einen bedeutenden Wert darstellte. Es waren wohl nur Kunstschätze in diesem Haus.

Historische Fotografie eines Ausstellungsraums. An der Rückwand hängen Gemälde in verschiedenen Größen.
Innenansicht der Ausstellung „Neuere Kunstwerke aus Dresdner Privatbesitz. 3. Jubiläumsausstellung Sächsischer Kunstverein“. An der Rückwand hängt das Stillleben von Oskar Moll aus dem Besitz der Wollfs.

Unbekannter Fotograf, Deutsche Fotothek

Zu den Sammlungsinteressen der Wollfs gehören verschiedene Gebiete. Ab Mitte der 1920er Jahre beginnen sie Ostasiatika zu sammeln, darunter Porzellane, Schnitzereien oder Bronzen. Daneben besitzt das Ehepaar auch kostbare Möbel und Teppiche sowie eine Sammlung seltener Uhren und Silber. Julius Ferdinand Wollf hat außerdem eine Bibliothek mit vielen kostbaren Bänden.

Julius und Johanna kaufen auch Gemälde bedeutender Künstler, unter anderem Werke von Auguste Renoir, Oskar Kokoschka, Oskar Moll und Jules Pascin – möglicherweise auch ein Bild von Paul Cézanne. Zur 3. Jubiläumsausstellung des Sächsischen Kunstvereins verleihen sie zwei Werke von Moll und Pascin, um sie der Öffentlichkeit in diesem Rahmen zugänglich zu machen.

Eine brutale Zäsur

Die ‚Machtübernahme‛ der Nationalsozialisten stellt eine Zäsur im Leben von Julius Ferdinand und Johanna Sophie Wollf dar. Schon am 31. März 1933, nur zwei Monate nach Adolf Hitlers Ernennung zum Reichspräsidenten, wird Julius Ferdinand Wollf von den Dresdner Neuesten Nachrichten entlassen.

Hintergrund

Schwarzweißfotografie. Historische Aufnahme des zerstörten Dresdner Großen Schlosshof.
Victor Klemperer dokumentiert das Leben unter der NS-Herrschaft in seinem Tagebuch.

Gemeinfrei, Bundesarchiv

Einen Tag später schreibt der Literaturwissenschaftler und Politiker Victor Klemperer in sein Tagebuch: „Gestern jämmerliche Erklärung der Dresdener N. N. [Dresdner Neuesten Nachrichten] ‚in eigener Sache‘. Sie seien zu 92,5 % auf arisches Kapital gestützt, Herr Wollf Besitzer der übrigen 7,5% lege Chefredaction nieder, ein jüdischer Redacteur sei beurlaubt (armer Fentl!), die anderen 10 seien Arier. Entsetzlich! In einem Spielzeugladen ein Kinderball mit Hakenkreuz.“

Fast beiläufig schreibt Klemperer, ein Freund der Familie Wollf, von den politischen Entwicklungen in Deutschland. In der Erklärung der Dresdner Neuesten Nachrichten, von der Klemperer berichtet, wird auch darauf hingewiesen, dass Wollf „zwar jüdischer Abstammung“ sei, doch schon seit etwa dreißig Jahren dem christlichen Glauben angehöre.

Dieser Verweis auf die bereits 1902 erfolgte Konvertierung der Wollfs schützt das Ehepaar jedoch nicht lange. In der Rassenpolitik der Nationalsozialisten gelten sie weiterhin als jüdisch und werden aus dem gesellschaftlichen Leben in Dresden ausgeschlossen. Julius Ferdinand Wollf verliert zudem alle Ehrenämter, so den im Vorstand des Deutschen Hygienemuseums Dresden.

Handgeschriebener Brief
Brief von Julius Ferdinand Wollf an seinen Freund Herbert Eulenberg, 6. Juli 1938.

Nachlass Herbert Eulenberg, Heinrich-Heine-Institut, Rheinisches Landesarchiv, Düsseldorf

Mit einer wachsenden Anzahl von Vorschriften, die alle jüdischen Bürgerinnen und Bürger einschränken, verengt sich auch das Leben des Ehepaars Wollf. In einem 1938 verfassten Brief an seinen Freund Herbert Eulenberg schreibt Julius Ferdinand Wollf eindrücklich von den Erfahrungen, die das Ehepaar im nationalsozialistisch beherrschten Dresden macht:

[…] das Leben, das wir führen, zermürbt langsam aber fühlbar auch den Körper. Es gibt keinen Ort, wo wir uns einmal erholen und aufatmen können. Und da die Umwelt so hart auf uns lastet, gehen wir möglichst wenig vor die Türe unseres Hauses, manchmal flüchten wir nach Berlin, um ein paar Freunde u. Verwandte zu sehen, weil wir da nicht früheren Bekannten so leicht begegnen. Dann schliessen wir uns wieder ein. Unsere leichtere Stunde kommt, wenn wir mit dem Buch im Bett liegen und auf die Wirkung des Schlafmittels warten, dessen Großverbraucher wir schon lange sind.

Das eigene Heim als Judenhaus

Historische Fotografie
Das Haus der Wollfs in der Franz-Liszt-Straße 6 im Jahr 1944.

Gemeinfrei, via altesdresden.de

1939 wird die Villa der Wollfs zu einem sogenannten „Judenhaus “ ernannt. Sie teilen sich ihr Zuhause nun nicht mehr nur mit Julius’ Bruder Max, sondern noch mit acht weiteren Jüdinnen und Juden, die von den Nationalsozialisten gezwungen werden, ihre Wohnungen zu verlassen. So leben sie nun auf engem Raum mit Fremden zusammen. Der Rückzugsort des eigenen Heims verschwindet.

Im Januar 1942 wird das Vermögen der Wollfs beschlagnahmt. Sie sind täglichen Hausdurchsuchungen und körperlichen Misshandlungen durch Mitglieder der SS ausgesetzt. Jeden Abend drohen diese dem betagten Ehepaar laut dem Musikredakteur der Dresdner Neuesten Nachrichten mit dem Tod.

Hintergrund

Zwei Stolpersteine
Stolpersteine erinnern in der Franz-Liszt-Straße an Julius Ferdinand und Johanna Sophie Wollf.

Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Die Situation ist für Julius Ferdinand und Johanna Sophie ausweglos. Am 27. Februar 1942, einen Tag bevor sie deportiert werden sollen, nehmen sie sich gemeinsam das Leben.

Max Wollf hatte bereits im Januar Selbstmord begangen, im Juli 1942 und März 1944 beenden auch seine Schwestern ihr Leben. Durch den nationalsozialistischen Terror wird die gesamte Familie ausgelöscht.

Auszug aus Inventarbuch des Kunstgewerbemuseums, markiert sind Objekte aus der Sammlung Wollf.

Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Archiv

In seinem Testament verfügt das kinderlose Ehepaar, dass ihr Besitz zu zwei Dritteln an ihre Ziehtochter Katharina Salten gehen soll, die Tochter ihres Freundes Felix Salten, dem Autor der weltberühmten Geschichte „Bambi“. Das andere Drittel sprechen sie Johanna Sophies Schwester zu. Allerdings übernimmt das Dresdner Kunstgewerbemuseum schon im August 1942 einige Werke aus der Wollfschen Sammlung. Durch die antisemitischen Bestimmungen der NS-Gesetzgebung wird das Testament im Dezember des Jahres endgültig für ungültig erklärt. Die darin genannten Erben erhalten nichts.

Das Haus in der Franz-Liszt-Straße 6 samt noch vorhandener Einrichtung wird an den Kölner Kammersänger Mathieu Ahlersmeyer verkauft. Joseph Goebbels nimmt den Sänger 1944 in die Gottbegnadeten-Liste  der wichtigsten Künstler auf. Sie enthält Personen, die dem NS-Regime besonders zugetan sind und von diesem besonders geschützt werden.

Rekonstruktion einer Sammlung

Eine asiatische Deckelvase. Das Dekor stellt einen Vogel und verschiedene vegetabile Motive dar.
Vase aus der Sammlung Wollf.

Koller Auktionen Zürich, 2012.

Die Rekonstruktion der Sammlung durch Provenienzforschende der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gestaltet sich aufgrund der Aktenlage schwierig. Viele Archivalien, die einen Einblick in die Bestände des Ehepaares gegeben hätten, sind im Krieg verloren gegangen. Das Büro des Testamentsvollstreckers in der Ferdinandstraße ist in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar bei der Bombardierung Dresdens zerstört worden.

Die einzigen erhaltenen Dokumente sind das Inventarverzeichnis des Kunstgewerbemuseums und eine Erbscheinakte im Sächsischen Staatsarchiv, die beim Hochwasser 2002 stark beschädigt wurde. Dennoch gelingt es den Provenienzforschenden der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Kunstwerke aus der Sammlung des Ehepaars Wollf zu identifizieren. 2008 und 2015 können Restitutionen an die rechtmäßigen Erben durchgeführt werden.

Fotografie einer Rokoko-Kommode aus der Sammlung Wollf
Eine Rokoko-Kommode aus der Sammlung Wollf, der sich bis 2015 im Dresdner Kunstgewerbemuseum befand.

Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kunstgewerbemuseum

Noch immer fehlt vom überwiegenden Teil der Sammlung jede Spur. Womöglich befinden sich kostbare Möbel und Kunstobjekte bis heute unerkannt in Museen oder Privatbesitz.