Stadt- und Dampfmaschinenmuseum Werdau
Die Familie Ringer versorgte über 35 Jahre hinweg die Werdauer Bevölkerung mit ihrem Kaufhaus am Markt. In der Zeit des Nationalsozialismus verloren sie ihren Betrieb und ihr Zuhause. Viele Informationen über die Familie und ihr Leben vor 1933 sind heute in Vergessenheit geraten.
Eine Kaufmannsfamilie in der sächsischen Kleinstadt
Stadt- und Dampfmaschinenmuseum Werdau
Bernhard Ringer kommt am 2. Mai 1875 in Krakau zur Welt. Zu dieser Zeit befindet sich die Stadt im Gebiet Galiziens, welches als Kronland zu Österreich-Ungarn gehört.
Drei Jahre später kommt in Konitz seine zukünftige Ehefrau Martha Aronheim zu Welt.
Stadt- und Dampfmaschinenmuseum Werdau
Um 1900 zieht das junge Ehepaar nach Werdau, eine Kleinstadt im Westen von Sachsen, wenige Kilometer von Zwickau entfernt. Am Markt 2 eröffnen sie ein Kaufhaus mit dem Namen Ringer & Co. Anfangs gibt es einen Mitinhaber namens David Präger.
Am 12. Oktober 1905 kommt ihr erstes Kind, Tochter Gisela Charlotte Ringer (genannt Charlotte), zu Welt.
Stadt- und Dampfmaschinenmuseum Werdau
Charlotte wächst über dem neuen Geschäft der Eltern am Markt 6 in Werdau auf. Wenige Jahre später kommt mit Hans Wilhelm das zweite Kind von Bernhard und Martha zur Welt.
Über die Kindheit und das Aufwachsen von Charlotte und Hans ist nicht viel bekannt.
Charlotte heiratet im Mai 1928 Curt Lippmann. Die beiden wohnen anschließend in Zwickau, wo ihre Tochter Ruth zur Welt kommt. Später ziehen sie nach Greiz in Thüringen um, hier kommt ihr Sohn Gunter Ludwik zur Welt.
Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft
Stadt- und Dampfmaschinenmuseum Werdau
Mit der ‚Machtübernahme‘ der Nationalsozialisten ändert sich das Leben der Familie Ringer tiefgreifend. Immer mehr werden sie durch antisemitische Gesetze in ihrem Alltag eingeschränkt.
In Werdau wird schon im Frühjahr 1933 ein NSDAP-Mitglied zum Polizeichef ernannt. Die Stadtverwaltung wird, wie überall im Deutschen Reich, unter die Kontrolle der Nationalsozialisten gestellt.
Hans studiert Jura und heiratet 1935 die aus Beuthen stammende Zahnärztin Ruth Kamm. Gemeinsam mit Hans Eltern leben sie über dem Werdauer Kaufhaus. Aufgrund der antisemitischen Gesetzgebung kann Hans seinen Beruf als Jurist nicht ausüben, stattdessen ist er ab 1937 Mitinhaber des Geschäfts.
Stadt- und Dampfmaschinenmuseum Werdau
In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 zerstören Mitglieder der Geheimen Staatspolizei unter Mitwirkung von Nachbarinnen und Nachbarn aus Werdau das Kaufhaus Ringer & Co. Die Familie verliert ihr Haus und ihr Geschäft, Bernhard wird im Zuge der Gewalttaten schwer misshandelt.
In der Werdauer Zeitung wird am 11. November von dem Übergriff berichtet. Es habe „eine zahlreiche Menschenmenge an diesem Ereignis als Zuschauer“ teilgenommen. Der propagandistische Artikel beschreibt jüdische Menschen als Täterinnen und Täter, die selbst schuld seien an der Gewalt und den Übergriffen, die sie erleiden.
Nach den Übergriffen werden Bernhard und Hans Ringer in „Schutzhaft“ genommen und drei Tage später in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Ende November wird zuerst Bernhard und am 22. Dezember auch Hans aus der Haft entlassen.
Deportation der Familie
Arolsen Archives, Verzeichnis zum Transport XVI/1: Deportation von Erfurt über Weimar, Halle und Leipzig nach Theresienstadt am 19. September 1942.
Die Familie Ringer verlässt Werdau. Tochter Charlotte ist zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit ihrem Mann und den zwei Kindern bereits nicht mehr im Land, sondern bereits nach Brasilien geflohen. Bernhard, Martha, Hans und Ruth ziehen nach Leipzig. Sie erhoffen sich vermutlich, in der Großstadt weniger aufzufallen. In Leipzig leben Ruth und Hans in einem ‚Judenhaus‛ in der Walter-Blümel-Straße 10, Martha und Bernhard in der Humboldtstraße 9.
Im Februar 1940 verstirbt Bernhard in Leipzig. Er wird auf dem dortigen jüdischen Friedhof beigesetzt. Zwei Jahre später, im September 1942, wird Martha Ringer nach Theresienstadt deportiert. Sie ist gezwungen, ihren Besitz zu verkaufen, um ihre Unterbringung im Theresienstädter Ghetto selbst zu finanzieren.
Gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Hans und Ruth Ringer werden im Juni 1943 erst nach Theresienstadt und von dort in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Kurze Zeit später wird das noch verbliebene Eigentum der Familie beim Versteigerungshaus Klemm in Leipzig verkauft.
Hans Ringer überlebt das Konzentrationslager nicht. Ruth Ringer verlässt nach der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee Deutschland und zieht in die USA. Hier lebt sie in Baltimore, Maryland. Martha Ringer kehrt nach ihrer Befreiung aus Theresienstadt für kurze Zeit nach Leipzig zurück. Anschließend wandert sie nach Brasilien aus, wo sie bei ihrer Tochter Charlotte lebt.
Erinnerungen wecken
Stadt- und Dampfmaschinenmuseum Werdau
Lange Zeit war die Erinnerung an die Familie Ringer in Werdau so gut wie verschwunden.
Im Jahr 2024 bemüht sich Markus Döscher, Museumsleiter des Stadt- und Dampfmaschinenmuseums Werdau, nach eigenen intensiven Vorarbeiten um eine Prüfung der Sammlung auf problematische Provenienzen. Dies erfolgt im Rahmen eines Projekts, das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste finanziert und vom Team Provenienzforschung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden begleitet wird. Dabei findet man im Depot des Museums ein unscheinbares Porzellanschild mit der Aufschrift „Ringer Markt 6“.
Markus Döscher
Das Schild kann dem Kaufhaus Ringer & Co. am Werdauer Markt zugeordnet werden. In einer feierlichen Zeremonie im Rathaus wird es 2025, gemeinsam mit vielen Unterlagen aus der NS-Zeit, an die Nachkommen von Charlotte Lippmann, geborene Ringer, restituiert. Heute befindet sich das Porzellanschild als Schenkung der Familie wieder im Museum Werdau.
Dank des Engagements von Jens Kunze aus Werdau, der schon seit mehreren Jahren zum Schicksal der Familie forscht, befinden sich vor dem ehemaligen Ladengeschäft der Ringers am Markt 6 heute vier Stolpersteine. Zur Verlegung waren Nachfahrinnen mehrerer Generationen der Familie anwesend. Die Stolpersteine erinnern an das Schicksal von Bernhard, Martha, Hans und Ruth, die aus Werdau fliehen mussten und nie in ihre Heimat zurückkehren konnten.

