Opfergruppen der nationalsozialistischen Verbrechen
Die nationalsozialistische Verfolgung richtete sich in unvorstellbarem Ausmaß gegen Juden:Jüdinnen. Aber nicht ausschließlich: Auch andere Bevölkerungsgruppen wie etwa politisch Andersdenkende, queere Personen, Sinti:Sintizze und Roma:Romnja, Menschen mit Behinderungen, Kranke und gesellschaftliche Randgruppen wurden im NS-Regime entrechtet, beraubt, verschleppt und ermordet.
In der Anfangszeit ihrer Herrschaft gingen die Nationalsozialisten besonders gegen politische Gegner:innen, linke Verbände und die liberale Presse vor, die den Aufbau der Diktatur gefährdeten und sich ihr entgegenstellten.
Mit der Verfolgung war auch die Bereicherung am Eigentum der Opfer verbunden. Davon profitierten Staat, Institutionen und Privatpersonen. Der Entzug von Kunst- und Kulturgütern an nichtjüdischen Verfolgten ist bislang nur in einzelnen Fällen bekannt und noch nicht systematisch erforscht.
Anfänge in Baden-Württemberg

bpk-Fotoarchiv / L. Schaller
Unter den ersten politisch Verfolgten des NS-Regimes ist Eduard Fuchs. Geboren 1870 in Göppingen und aufgewachsen in Stuttgart, ist er zeit seines Lebens an seiner Mundart als Schwabe zu erkennen.
Sein Vater ist Maschinenbaufabrikant, seine Mutter Tochter eines Konditors. Sie sterben beide früh, in den Jahren 1886 und 1888. Nach dem Tod des Vaters bricht Eduard die Schule ab und beginnt eine kaufmännische Lehre.

bpk-Fotoarchiv
Schon als Jugendlicher ist Eduard Fuchs politisch links aktiv. Die Arbeiterbewegung, Gewerkschaften und Sozialdemokratie sind damals noch verboten. Rebellische Äußerungen gegen den Kaiser und den Staat stehen unter hohen Strafen. Fuchs muss deshalb zweimal ins Gefängnis.
Er ist zunächst Mitglied der sozialdemokratischen Partei und setzt sich entschieden gegen militärische Mittel und Krieg ein. Als die SPD 1914 Kriegsanleihen zustimmt und damit die Finanzierung des Ersten Weltkriegs ermöglicht, tritt Fuchs aus der Partei aus und schließt sich kommunistischen Bewegungen an. 1918/19 gehört er zu den Gründungsmitgliedern der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).
Beruf und Familie
Staatsgalerie Stuttgart. Public Domain Mark 1.0
1890 zieht Fuchs von Stuttgart nach München und arbeitet in einem SPD-nahen Verlag, zuerst als Anzeigenleiter. Rasch erarbeitet er sich eine Stelle als Redakteur und schreibt selbst Beiträge.
Deutsches Historisches Museum 🔍 Über das Bild mit der Maus fahren, um zu vergrößern
Als Redakteur, unter anderem von Satirezeitschriften, arbeitet er leidenschaftlich gerne mit Karikaturen. Auf der Suche nach Zeichentalenten lernt er den jungen Künstler Max Slevogt kennen. Die beiden werden enge Freunde.
Staatsgalerie Stuttgart. Public Domain Mark 1.0
Staatsgalerie Stuttgart. Public Domain Mark 1.0
Slevogt wird später seinen Freund und dessen Familie porträtieren.
1896 heiratet Eduard Fuchs Frida Schön. Sie bekommen eine Tochter, Gertraud (Traude).

Quelle: Klassik Stiftung Weimar
1901 zieht die junge Familie nach Berlin um.
Eduard Fuchs arbeitet dort weiter als Redakteur für sozialdemokratische Veröffentlichungen. Außerdem schreibt er nun auch wissenschaftliche Bücher: zum Beispiel mehrere Überblickswerke über Karikaturen und ostasiatische Kunst, drei Bände über die „Geschichte der erotischen Kunst“ und gleich sechs Bände unter dem Titel „Illustrierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart“.
Die Bücher sind so erfolgreich, dass Fuchs internationale Bekanntheit als Schriftsteller und einen gewissen Wohlstand erlangt. Die mehrfach neu aufgelegte „Sittengeschichte“ bringt ihm zudem den Spitznamen „Sittenfuchs“ ein.
Die Ehe mit Frida zerbricht 1915. Wenige Jahre später, 1920, heiratet Fuchs zum zweiten Mal. Seine neue Frau Margarete (Grete), geborene Alsberg, ist Jüdin und die Tochter eines Warenhausbesitzers im Ruhrgebiet.
Eduard Fuchs als Sammler
Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie / Andres Kilger. Public Domain Mark 1.0 🔍 Über das Bild mit der Maus fahren, um zu vergrößern
Im Laufe der Zeit trägt Fuchs eine umfangreiche Kunstsammlung zusammen. Viele seiner rund 20.000 grafischen Blätter, darunter Zeichnungen, Plakate und Flugblätter, nutzt er als Abbildungsmaterial für seine Bücher.
Vor allem interessiert sich Fuchs für impressionistische Werke, besonders von Max Slevogt und Max Liebermann, die er beide persönlich kennt. Von dem französischen Karikaturisten Honoré Daumier besitzt er alleine rund 6.000 Blätter.
Museum Angewandte Kunst Frankfurt am Main / Rainer Drexel. CC BY-NC-SA 4.0
In den 1920er Jahren setzt Eduard Fuchs einen neuen Schwerpunkt in seiner Sammlung: Er erwirbt nun auch ostasiatisches Kunsthandwerk. Besonders fasziniert ist er von chinesischen Dachreitern: Er trägt über 100 von diesen besonderen Stücken aus glasiertem Ton zusammen, die in der traditionellen chinesischen Bauweise die Dächer von Häusern schmücken und nach dortigem Glauben als Schutzpatrone dienen.
Ullstein Bild / Emil Leitner
Fuchs kauft seine Kunst aus persönlichem Interesse und für seine wissenschaftliche Arbeit als Schriftsteller, er setzt nicht auf spätere Gewinne. Seine zweite Frau Grete und er planen, die Sammlung später öffentlich zugänglich zu machen.
© Bodo Kubrak. Über Wikimedia commons, CC BY-SA 4.0
„Das Haus eines Sammlers“
Das Ehepaar bezieht ein Haus in Berlin-Zehlendorf. Die ursprünglich für den Kunstsammler Hugo Perls erbaute Villa ist ein Frühwerk des Architekten Ludwig Mies van der Rohe. 1922 erwerben die Fuchs‘ auch das Nachbargrundstück und beauftragen Mies van der Rohe mit einem Galerieanbau für die Kunstsammlung. Der Anbau wird 1928 fertiggestellt.
Grundstück, Gebäude und Sammlung sollen nach dem Wunsch von Eduard und Grete Fuchs in eine Stiftung überführt und als „Haus eines Sammlers“ bewahrt bleiben.
Es ist „seit vielen Jahren mein ernsthaftester Wunsch […], meine Sammlungen zu gegebener Zeit und in der Form, wie sie von mir zusammengebracht und aufgestellt worden sind – also einschließlich meines Hauses und des dazugehörigen Grundstückes – als Stiftung in den Besitz der Allgemeinheit überzuführen“
Eduard Fuchs an den stellvertretenden Kämmerer von Berlin, 1931 (Bundesarchiv, Nachlass Fuchs)
Verfolgter der ersten Stunde
Mitte der 1920er Jahre beginnt Fuchs, Material über die aufsteigende NSDAP zu sammeln, und erkennt die Gefahr, die von ihr ausgeht. Er gerät ins Visier der Nazis.
Kaum an der Macht, geht das neue Regime hart gegen politisch Andersdenkende vor.
Fuchs ist gleich in mehrfacher Hinsicht im Fokus: als Vorkämpfer der Linken, als Schriftsteller von Büchern, die den Nazis zu anrüchig erscheinen, und mit einer jüdischen Frau, deren Familie 1933 enteignet wird.
„Jeder, der sich ‚links‛ betätigt hätte, würde wie ein wildes Tier gejagt werden.“
Eduard Fuchs unmittelbar nach dem Reichstagsbrand
(aus: Tisa von der Schulenburg: Ich hab’s gewagt, Freiburg im Breisgau 1981, S. 106)

bpk-Fotoarchiv / Fotograf unbekannt

bpk-Fotoarchiv / Fotograf unbekannt
Als am Abend des 27. Februar 1933 der Reichstag brennt, nutzt das NS-Regime das für einen Rundumschlag gegen Kommunist:innen und Sozialdemokrat:innen.
Eduard Fuchs entkommt nur knapp. Sein Haus wird noch in der gleichen Nacht umstellt, aber Fuchs hat nach dem Reichstagsbrand die Jagd auf politisch Linke vorausgesehen und ist nicht heimgekommen. Freund:innen helfen ihm, verstecken ihn über Nacht in einer Gartenlaube und bringen ihn am frühen Morgen aus Berlin heraus. Gemeinsam mit seiner Frau Grete flüchtet Fuchs über die Schweiz nach Paris.
Gerade noch rechtzeitig. Zehntausende Regimegegner:innen werden in den Wochen nach dem Brand verhaftet und in Schutzhaftlager gebracht.
Im Juni 1933 werden die Villa Fuchs von der Gestapo durchsucht und die Graphiksammlung abtransportiert, im Oktober alle Vermögenswerte des Ehepaars als „staatsfeindliches Vermögen“ beschlagnahmt. Die Villa wird ausgeräumt.
Eduard Fuchs wehrt sich aus seinem Exil dagegen, klagt vor Gericht auf Freigabe seines Eigentums.
Damit hat er zunächst auch Erfolg. Die NS-Behörden befürchten, der Fall könne das Ansehen Deutschlands bei anderen Kulturnationen beschädigen, weil Fuchs als Schriftsteller und Sammler ziemlich bekannt ist. Sie bitten den Direktor der Berliner Nationalgalerie um eine Stellungnahme. Dieser antwortet am 14. Juli 1934, dass eine Aktion gegen Eduard Fuchs international „scharfe oder gar gehässige Kritik“ hervorrufen und „ideeller Schaden“ für Deutschland entstehen werde.
Ullstein Bild
Schließlich geben die NS-Behörden das beschlagnahmte Vermögen des Ehepaars Fuchs im Februar 1935 wieder frei.
Eduard Fuchs, im Exil in finanziellen Nöten, beauftragt seine in Deutschland lebende Tochter Gertraud, das Vermögen abzuwickeln und die zurückgegebenen Kunstwerke zu verkaufen. Der Traum eines Sammlermuseums für die Öffentlichkeit ist geplatzt.
Die Erlöse aus mehreren Kunstauktionen in den Jahren 1937 und 1938 fließen in die Zahlung der Reichsfluchtsteuer, die Eduard und Grete Fuchs 1937 auferlegt wird.
© Polymagou. Über Wikimedia commons, CC BY-SA 4.0
Das Ehepaar wohnt in Paris in der Rue d’Auteuil, einer Gegend, die im 19. Jahrhundert noch dörflich geprägt und bei Künstler:innen und Autor:innen seit langem sehr beliebt war.
Eduard Fuchs stirbt hier am 26. Januar 1940. Wenige Monate später, im Juni 1940, marschieren deutsche Truppen in Paris ein. Grete gelingt die Flucht in die USA, wo sie 1953 verstirbt.
Restitution
Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum / Claudia Obrocki 🔍 Über das Bild mit der Maus fahren, um zu vergrößern
Nach dem Krieg bemühen sich Grete Fuchs und Eduards Tochter Gertraud vergeblich, für die erlittenen Verluste der Familie entschädigt zu werden.
Jahrzehnte später fördert das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste von 2020 bis 2024 ein Projekt zur Rekonstruktion der zerstreuten und verlorenen Sammlung Fuchs. Als politisch Verfolgter ist der Fall Eduard Fuchs noch eine Seltenheit in der Provenienzforschung.
Auch in den Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz findet sich ein Kunstwerk aus der Sammlung Fuchs: eine chinesische Dachreiterfigur aus glasiertem Ton, einen halben Meter hoch und fast 29 Kilogramm schwer.
Ullstein Bild / Emil Leitner 🔍 Über das Bild mit der Maus fahren, um zu vergrößern
Die Staatlichen Museen (Ost) haben das Stück 1952 im Kunsthandel erworben. Der Verkäufer, Ernst Fritzsche, hatte es 1937 auf einer der Auktionen ersteigert, mit denen Gertraud Fuchs die Kunstsammlung ihres Vaters aufgelöst hat. Bei Eduard und Grete Fuchs stand das monumentale Werk im Garten, wie auf einem Foto aus den 1920er Jahren zu erkennen ist.
Der Dachreiter wird 2024 an die rechtmäßigen Erben von Eduard und Grete Fuchs restituiert.
Nach chinesischem Glauben bewahren Dachreiter ein Bauwerk vor schlechten Einflüssen, bösen Geistern und Feuer. Sie haben eine wichtige Schutzfunktion für Gebäude und die darin lebenden Menschen. Den einzelnen Figuren kommt eine symbolische Bedeutung zu.
Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum / Claudia Obrocki

