Jacques Goudstikker war ein renommierter niederländischer Kunsthändler. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde er mit seiner Familie nach der Besetzung der Niederlande durch die Deutsche Wehrmacht zur Flucht gezwungen. Erst 60 Jahre nach seinem tragischen Unfalltod, den er auf der Flucht bei der Überfahrt nach Großbritannien erlitt, konnten seine Erben Teile seiner Kunstsammlung zurückerhalten.

Eine Tradition für die Kunst

Porträt von Eduard Jacob Goudstikker, 1921.

Stadsarchief Amsterdam, Archief van Jacques Goudstikker en Desi Goudstikker-Halban

1845 gründen die Brüder Jacob und Simon Goudstikker die Galerie J. Goudstikker in Amsterdam. Sie handeln mit Kunstobjekten und Möbeln. 1890 steigt Jacobs Sohn Eduard in das Geschäft ein. Er erweitert das Sortiment um holländische und flämische Malerei des 17. Jahrhunderts. Im Dezember 1895 heiratet Eduard die deutsche Emilie Eugenie Sellisberger. Am 30. August 1897 kommt ihr Sohn Jacques Goudstikker in Venlo zur Welt.

Klassenbild von der Amsterdamer Handelsschule, Mai 1914.

Stadsarchief Amsterdam, Archief van Jacques Goudstikker en Desi Goudstikker-Halban

Jacques lernt zuerst an einer Handelsschule und beginnt ab 1919 im Kunsthandel seiner Familie zu arbeiten. Zur gleichen Zeit studiert er Kunstgeschichte in Utrecht und Leiden. Wie sein Vater es getan hatte, verändert auch Jacques das Programm der Galerie. Unter seinem Einfluss werden die Kataloge der Galerie nun auf Französisch publiziert und neben niederländischer Malerei auch italienische Kunst angeboten.

Neue Richtungen

Visitenkarte der Galerie J. Goudstikker.

Stadsarchief Amsterdam, Archief van Jacques Goudstikker en Desi Goudstikker-Halban

Im Januar 1924 verstirbt Eduard Goudstikker. Von nun an führt der Sohn die Galerie allein. Am 16. September desselben Jahres heiratet er die in Suriname geborene Johanna Maria Catharina Bray.1927 entscheidet sich Jacques Goudstikker, das bisherige Ladengeschäft in der Kalvestraat 73 zu verkaufen. Die Galerie J. Goudstikker, benannt nach Jacques‘ Großvater Jacob, befindet sich ab sofort an der Amsterdamer Herrengracht 458. Die Herrengracht ist einer der Hauptkanäle Amsterdams, die Galerie befindet sich somit in der besten Lage der Stadt. Hier erarbeitet er sich einen internationalen Ruf und berät bekannte Sammler wie Heinrich Thyssen-Bornemisza.

Postkarte von Schloss Nijenrode.

Stadsarchief Amsterdam, Archief van Jacques Goudstikker en Desi Goudstikker-Halban

Neben dem neuen Ladengeschäft kauft er 1930 außerdem das Schloss Nijenrode in Breukelen. Das Schloss nutzt er als Ausstellungsfläche für seine Galerie. Die Salons des Hauses sind jeweils einer anderen Epoche gewidmet.

Die Ausstellungen sind für die breite Öffentlichkeit zugänglich, damit auch Kunstliebhaberinnen und Kunstliebhaber, die sich keine eigene Sammlung leisten können, Zugang zu Kunst haben. Gemeinsam mit seiner Frau zieht er in das Herrenhaus Oostermeer in Ouderkerk an de Amstel, wenige Kilometer südlich von Amsterdam.

Doch werden die beruflichen Erfolge überschattet von einer privaten Tragödie: Am 5. Dezember 1936 verstirbt seine Ehefrau Johanna im Alter von nur 51 Jahren.

Titelblatt des Programmheftes zum Wohltätigkeitsfest „Wien an der Vecht“ am 17. Juli 1937.

Stadsarchief Amsterdam, Archief van Jacques Goudstikker en Desi Goudstikker-Halban

Ein Wiener Ball in den Niederlanden

Am 17. Juni 1937 organisiert Jacques Goudstikker eine Wohltätigkeitsveranstaltung auf seinem Schloss Nijenrode. Das Thema ist die Wiener Kunst; die Einnahmen sollen Jüdinnen und Juden in Deutschland zugutekommen, die unter der rassistischen Verfolgung im NS-Staat leiden. Neben dem berühmten Concertgebouw Orchester und dem Ballettensemble von Toni Birkmeyer lädt er die österreichische Sopranistin Dési von Halban ein. Diese war in Wien als Tochter einer Opernsängerin und eines Arztes aufgewachsen.

Dési und Jacques Goudstikker, 30.01.1938.

Stadsarchief Amsterdam, Archief van Jacques Goudstikker en Desi Goudstikker-Halban

Dési Halban und Jacques Goudstikker verlieben sich. Schon im Dezember 1937 heiraten sie. Ihr Sohn Edouard kommt 1939 zur Welt.

Die Nationalsozialisten in den Niederlanden

Die Galerie Goudstikker umfasst hunderte Kunstwerke, die vom Krieg bedroht sind.

Stadsarchief Amsterdam, Archief van Jacques Goudstikker en Desi Goudstikker-Halban

Bis Ende der 1930er Jahre behalten die Niederlande ihre Unabhängigkeit vom Deutschen Reich. Dennoch fliehen viele Jüdinnen und Juden mit Blick auf die politischen Entwicklungen im Nachbarland. Aus diesem Grund beantragen auch Jacques und Dési Goudstikker im Jahr 1939 für sich und ihren Sohn Visa, um in die USA einreisen zu können.

Jacques Goudstikker fällt es schwer, sich für eine Flucht aus seiner Heimat zu entscheiden. Im November 1939 lädt er etwa 200 Kunstwerke aus seinem Besitz auf das Schiff „Simon Bolivar“, um sie vor dem voranschreitenden Krieg nach England zu retten. Am 18. November läuft das Schiff in ein deutsches Minenfeld vor der englischen Küste und sinkt. Beim Untergang sterben 83 Menschen, Goudstikkers 200 Werke sind verloren.

Goudstikkers können die Bombardierung von Schiphol in ihrem Haus in Oostermeer hören.

Gemeinfrei, Nationalarchiv der Niederlande

Im Mai 1940 marschieren die Wehrmachtstruppen in die Niederlande ein. Sie bombardieren den Flughafen Schiphol, der nur wenige Kilometer von dem Wohnsitz der Goudstikkers im Haus Oostermeer entfernt ist. Als die niederländische Regierung kurz darauf kapituliert, entscheidet sich die Familie endgültig für die Flucht.

In Vorbereitung seiner Flucht beruft Jacques Goudstikker seine Mitarbeitenden am 14. Mai 1940 in die Galerie ein. Er beauftragt zwei Mitarbeiter – Jan Dik Senior und Jan Dik Junior –, sich in seiner Abwesenheit um die Kunstsammlung zu kümmern.

Noch am gleichen Abend verlässt die Familie Goudstikker auf dem Schiff „Bodegraven“ die Niederlande, um zunächst nach Dover in England zu flüchten.

Ein tragischer Unfall

Jacques Goudstikkers Grab in Falmouth.

Stadsarchief Amsterdam, Archief van Jacques Goudstikker en Desi Goudstikker-Halban

Die „Bodegraven“ kann in Dover nicht anlegen – die Engländer vermuten, es könnten deutsche Spione an Bord sein. Als neues Ziel wird Südamerika festgelegt. Noch immer in einer engen Kabine unter Deck untergebracht, geht Jacques Goudstikker nachts an Deck, um eine Zigarette zu rauchen. Zum Schutz vor Angriffen ist das Schiff abgedunkelt. Deshalb übersieht Goudstikker eine offene Decksluke und stürzt hinein; der Unfall ist tödlich.

Das Schiff legt in Falmouth an der Südküste Englands an, um eine Erdbestattung Goudstikkers zu ermöglichen. Seine Witwe hat zuvor eine Seebestattung abgelehnt.  Seine Familie darf nicht an der Beisetzung teilnehmen. Dési und Eduard Goudstikker reisen über Kanada in die USA weiter.

Profiteur: Alois Miedl, um 1940.

Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Kurz nach der Flucht der Goudstikkers aus den Niederlanden übernimmt Alois Miedl im Auftrag von Hermann Göring die Kontrolle über das Galeriegeschäft. Hierfür nimmt Miedl, ein NS-naher Bankier aus München, über einen Mittelsmann Kontakt zu Goudstikkers ehemaligem Mitarbeiter Jan Dik Senior auf, der nach der NS-Übernahme weiter in der Kunsthandlung tätig geblieben ist. Sich über die rechtmäßige Erbin Dési Goudstikker hinwegsetzend, „kauft“ Miedl im Auftrag Görings das Geschäft, alle Immobilien und den gesamten, noch vor Ort verbliebenen Kunstbestand Goudstikkers für 2,5 Millionen Gulden.

Hintergrund

Hermann Göring vor der Galerie J. Goudstikker in Amsterdam, 1941.

Gemeinfrei, via Wikimedia Commons.

Hermann Göring übernimmt wichtige Kunstwerke, Miedl die Immobilien und die Galerie inklusive ihres guten Rufs. 780 Werke lässt Göring nach Deutschland bringen, die besten davon gelangen in seinen Landsitz Carinhall. Die weniger bedeutenden Kunstwerke verkauft Göring mit großem Gewinn an deutsche Museen und Kunsthändler. Weitere hunderte Werke bleiben in den Niederlanden, wo Miedl über die Galerie Goudstikker, deren Namen er beibehält, mit ihnen handelt.

Langer Weg zum Erbe

Das „Schwarze Buch“ von Jacques Goudstikker, in dem alle Werke verzeichnet sind, die er bei seiner Flucht besitzt.

Stadsarchief Amsterdam, Archief van Jacques Goudstikker en Desi Goudstikker-Halban

Nach Kriegsende wird die Kunsthandlung J. Goudstikker vom niederländischen Staat übernommen. Um ihr Eigentum zurückzuerlangen, klagt Dési Goudstikker, die 1950 erneut geheiratet hat und nun von Saher heißt, gegen den niederländischen Staat. Bei seinem Tod trug Jacques Goudstikker ein kleines schwarzes Notizbuch – das sogenannte „Blackbook“ – bei sich, in dem er über 1200 Werke in seinem Eigentum vermerkt hatte. Darauf kann sich seine Witwe bei ihren Rückforderungen berufen. 1952 muss die Witwe ihre Klage aber aufgrund fehlender finanzieller Mittel zurückziehen. Sie erhält keine Kunstwerke zurück, sondern nur einen Teil der Summe, für die die Galerie 1940 zwangsverkauft worden ist.

In einem Leserbrief an eine englischsprachige Zeitschrift berichtet Jacques Goudstikkers Frau Dési von seinem Tod und dem unrechtmäßigen Verkauf der Sammlung.

Stadsarchief Amsterdam, Archief van Jacques Goudstikker en Desi Goudstikker-Halban

Jahrzehntelang sehen sich die Niederlande nicht zur Rückgabe verpflichtet. Werke der Sammlung J. Goudstikker, die aus Deutschland zurückgegeben werden, bekommt nicht die Familie, sie werden stattdessen an verschiedene Museen im Land verteilt. Im Jahr 1996 versterben Dési und Edouard Goudstikker, ohne die Sammlung von Jacques Goudstikker, deren rechtmäßige Erben sie waren, je zurückzuerhalten. Eduards Ehefrau Marei, Dési und Jacques Goudstikkers Schwiegertochter, übernimmt den Kampf um das familiäre Erbe. Erst 2006 erhält sie etwa 200 Werke aus der Sammlung Goudstikker zurück.

Rachel Ruyschs Blumenstilleben, welches sich von 1953 bis 2006 im Bestand der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister befand.

Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

1953 erwerben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden das Werk „Blumenstillleben“ von Rachel Ruysch über einen Dresdner Kunsthändler für die Gemäldegalerie Alte Meister. Der Händler präsentiert dazu eine rührselige Geschichte, in der die NS-Verbrechen in den Niederlanden und die Amsterdamer Kunsthandlung Goudstikker nicht vorkommen. Doch auf der Rückseite des Gemäldes befindet sich ein Aufkleber mit der Aufschrift „Collectie Goudstikker, Kalvestraat 73, Amsterdam, No. 686“. In Jacques Goudstikkers „Blackbook“ findet sich unter der Nummer 686 der Titel und die Beschreibung des 1953 erworbenen Dresdner Gemäldes. 1953 war die Existenz des „Blackbooks“ sowie die Bedeutung der Nummern als Zäsur für einen NS-verfolgungsbedingten Entzug noch nicht bekannt. Alle im „Blackbook“ von Jaques Goudstikker noch eigenhändig verzeichneten Werke gelten heute als NS-verfolgungsbedingt entzogen und sind zu restituieren, falls sie im Handel, in Museen oder bei Sammlern auftauchen. Das „Blumenstillleben“ von Rachel Ruysch lässt sich über die niedrige Goudstikker-Nummer 686 zweifelsfrei dem enteigneten Bestand des Amsterdamer Kunsthändlers zuordnen und kann 2006 nach proaktivem Agieren der SKD an die Erben Jaques Goudstikkers restituiert werden.

Rückseite von Rachel Ruyschs Stillleben.

Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Heute befinden sich noch zehn Kunstwerke im Bestand der Gemäldegalerie Alte Meister, auf deren Rückseiten Aufkleber und Beschriftungen auf die Galerie J. Goudstikker verweisen. Diese Bilder sowie eine Zeichnung im Kupferstich-Kabinett wurden aber erst nach der Enteignung und Übernahme der Kunsthandlung eingeliefert und gehandelt. Sie sind entsprechend nicht in Jacques Goudstikkers „Blackbook“ verzeichnet. Ein NS-verfolgungsbedingter Entzug ist trotzdem nicht auszuschließen, denn Miedl hat in der Kunsthandlung Goudstikker auch NS-Raubkunst in erheblichem Umfang veräußert. Daher untersucht das Team Provenienzforschung der SKD weiterhin die Provenienz dieser Werke und versucht herauszufinden, wem sie vor der Einlieferung in die ‚arisierte‛ Kunsthandlung Goudstikker gehört haben. Die Werke sind als Fundmeldungen in der öffentlich zugänglichen Lost Art-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste eingestellt in der Hoffnung auf Hinweise, die bei der Klärung ihrer Herkunft helfen können.

Hintergrund