
Privatbesitz Familie von Klemperer
Verwobene Fäden
Die Familie von Klemperer ist bis heute eng mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden verbunden. Ihre umfangreichen Sammlungen waren schon im frühen 20. Jahrhundert über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Doch heute gilt ein Großteil der Objekte als verschollen.
Eine Dresdner Familie
Privatbesitz Familie von Klemperer
Public domain, via Wikimedia Commons
Der Dresdner Bankier und Mäzen Gustav von Klemperer kommt 1852 in Prag zur Welt. Sein Vater, Aron Moses Klemperer, war Buchhalter und an der Prager Börse sowie der Privilegierten österreichischen National-Bank tätig.
Ottomar Zieher, München, via altesdresden.de
Ankunft in der Dresdner Gesellschaft
1866 beginnt Gustav Klemperer eine Bankausbildung in Dresden. Im Bankhaus Thode & Co. erreicht er schnell berufliche Erfolge.
Während seiner Ausbildung lebt Gustav Klemperer bei seiner Tante Minna Meyer, eine Pension für jüdische Mädchen leitet. Bei einem Tanzabend in der Pension lernt Gustav die aus Olmütz (tsch. Olomouc) stammende Charlotte Engelmann kennen. Sie verlieben sich und heiraten 1875.
Privatbesitz Familie von Klemperer
Ein Jahr nach ihrer Hochzeit begrüßen Charlotte und Gustav Klemperer ihren ersten Sohn, Victor. 1878 folgt das zweite Kind, Herbert Otto, sechs Jahre später kommt der jüngste Klempererbruder Ralph Leopold zur Welt.
Nach Gustav Klemperers Ernennung in den Vorstand der Dresdner Bank zieht die Familie 1891 zur Miete in eine noble Villa in der Wiener Straße 25, die sie wenige Jahre später kaufen.
Die nächste Generation
Victor, Herbert Otto und Ralph Leopold wachsen in Dresden auf. Sie feiern als Erwachsene private und berufliche Erfolge.
Victor wird Direktor der Dresdner Bank in Dresden, Herbert Otto ist Generaldirektor der Berliner Maschinenbau-Actien-Gesellschaft vormals L. Schwartzkopff, Ralph Leopold leitet als Direktor die Cartonnagenindustrie AG Dresden.
Die Brüder beteiligen sich aktiv am gesellschaftlichen Leben in Berlin und Dresden. Sie engagieren sich in Fördervereinen und als Vorstandsmitglieder verschiedener Gesellschaften.
Privatbesitz Familie von Klemperer
Für seine Dienste als Honorarkonsul – ein ehrenamtlicher Vertreter seines Heimatlandes – verleiht der österreichische Kaiser Franz Joseph I. 1910 Gustav Klemperer den vererbbaren Adelstitel eines „Edlen von Klemenau“.
Public domain, via Wikimedia Commons
Das Glück des Sammelns
Privatbesitz Familie von Klemperer
Privatbesitz Familie von Klemperer
Gustav von Klemperer, Edler von Klemenau, und seine Ehefrau Charlotte sind für ihre beeindruckende Sammlung von Kunstgegenständen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Schon um 1900 beginnen die Eheleute Meissner Porzellan zu kaufen.
Den Schwerpunkt der bilden vor allem Werke aus dem 18. Jahrhundert.
Gustav von Klemperer will seine Porzellansammlung dokumentieren. Er beauftragt 1926 den Kunsthistoriker Ludwig Schnorr von Carolsfeld mit dem Verfassen eines Katalogs.
Im Dezember 1926 verstirbt Gustav von Klemperer im Alter von 74 Jahren unerwartet. Auf Wunsch des Vaters führt Victor die Arbeit zu Ende. 1928 erscheint das 834 Positionen umfassende Verzeichnis bei Jakob Hegner in Hellerau.
Privatbesitz Familie von Klemperer
Drei Söhne sammeln
Bis 1933 bewohnt Charlotte von Klemperer die Villa in der Wiener Straße 25 weiterhin allein. Nach ihrem Umzug in eine Wohnung in der Beethovenstraße werden die Porzellane in die Villa Victor von Klemperers in der Dresdner Tiergartenstraße 64 gebracht.
Alle drei Söhne führen die Sammelleidenschaft der Eltern fort. Victor beginnt bereits während seines Studiums kostbare Bücher des 18. Jahrhunderts zu kaufen. Kurze Zeit später wächst auch sein Interesse an frühen Drucken des ausgehenden 15. Jahrhunderts, sogenannten Inkunabeln. 1927 veröffentlicht er einen Katalog seiner Sammlung: „Frühdrucke aus der Bücherei Victor von Klemperers“.
Auch sein Bruder Herbert Otto besitzt eine Vielzahl von Gemälden, europäischem Kunstgewerbe und Ostasiatika. Im Haus von Ralph Leopold und seiner Frau befinden sich die von Gustav von Klemperer geerbte Miniaturensammlung und kostbare chinesische Lacktafeln.
Aus der Heimat vertrieben
Deutsche Fotothek / unbekannter Fotograf
Eine ausweglose Situation
Das Leben der Familie Klemperer wird durch die nationalsozialistische Politik immer mehr eingeschränkt. Nach der Machtergreifung 1933 und den daraus folgenden Repressionen werden sie aus ihren beruflichen und gesellschaftlichen Umfeldern verdrängt.
Zwischen 1937 und 1939 flüchten die drei Brüder mit ihren Familien aus Deutschland. Ralph Leopold lebt ab 1937 in Südafrika, Herbert Otto reist 1938 nach England aus, Victor erhält 1939 Asyl in Südafrika und lebt später in Bulawayo, im heutigen Simbabwe. Im Juni 1938 verfasst Victor seine Memoiren, die er bis zu seinem Tod 1942 weiterführt.
MAS Museum an de stroom. Public domain, via Wikimedia Commons
Reichsgesetzblatt (RGBI) I 1938, S. 414. Public domain, via Wikimedia Commons
Zur Abgabe gezwungen
Wie viele andere jüdische Bürgerinnen und Bürger ist die Familie von Klemperer gezwungen, große Teile ihres Besitzes in Deutschland zurückzulassen.
Während Herbert Teile seiner Kunstsammlungen bei seiner Ausreise retten kann, bleibt die wertvolle Porzellansammlung Gustav von Klemperers in der Villa seines Sohnes in der Tiergartenstraße zurück. Es ist Victor und Sophie unmöglich, sie bei ihrer Ausreise mitzunehmen. Die „Zweite Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ vom 26. April 1938 ermöglicht die Beschlagnahmung des Besitzes jüdischer Menschen im Deutschen Reich ohne jegliche Vergütung.
Raubgut im Museum
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Porzellansammlung
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Porzellansammlung
Staatliche Sammlungen für Kunst und Wissenschaft zu Dresden
Ende Dezember 1938 erhält Fritz Fichtner, Direktor der Dresdner Porzellansammlung und des Kunstgewerbemuseums, den Auftrag zur Sicherstellung des Besitzes „des nach Südafrika abgereisten Juden“ Victor von Klemperer. Es handelt sich hierbei um die gesamte Ausstattung der Villa Tiergartenstraße 64.
Fichtner will die bedeutenden Porzellane für das Museum übernehmen. Die Familie von Klemperer erhebt Einspruch. Die „Elfte Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ beraubt die Familie aller Rechte an ihrem Eigentum.
Am 13. Januar 1943 überträgt Adolf Hitler in einem Schreiben die Porzellansammlung der Familie von Klemperer offiziell an die Dresdner Porzellansammlung.
Auslagerung
Im Zuge des Zweiten Weltkrieges werden große Teile der sächsischen Staatssammlungen zum Schutz vor Luftangriffen außerhalb von Dresden verlagert. Als Aufbewahrungsorte dienen unter anderem Schlösser und Güter.
Auch die Porzellansammlung der Familie von Klemperer ist von diesen Auslagerungen betroffen. Aus Listen geht hervor, dass im Dezember 1943 ein großer Teil im Schloss Rammenau bei Bautzen verwahrt wird.
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Porzellansammlung
Deutsche Fotothek / Walter Möbius
Mindestens drei Kisten mit Porzellan der Familie von Klemperer werden am 8. Februar 1945 erneut umgelagert. Auf dem Weg nach Westen wird der mit Kunstgut beladene Lastwagen in der Nacht des 13. auf den 14. Februar 1945 im Hof des Dresdner Residenzschlosses abgestellt. In dieser Nacht wird die Dresdner Innenstadt und das Schloss durch Bombenangriffe zerstört.
Weitere Kisten mit Porzellan werden von Rammenau in die Schlösser Rothschönberg und Reichstädt verlagert.
Wenige Jahre nach ihrer erzwungenen Flucht aus Deutschland verstirbt Victor von Klemperer im Jahr 1943. Er erlebt das Kriegsende nicht mehr und kann auch seinen Familienbesitz nicht wieder zurückerlangen.
In der sowjetischen Besatzungszone und der DDR
E. Schwesig, Berlin N54. Public domain, via Wikimedia Commons
Die Sammlung ist nach Kriegsende der Plünderung und mutwilligen Zerstörung durch Truppen und Zivilisten ausgesetzt. Im Mai 1945 beginnen der Sowjetarmee, die Auslagerungsdepots zu räumen und die Mehrheit des Kunstgutes in die Sowjetunion zu transportieren. Nur ein kleiner Teil der Sammlung von Klemperer kehrt unbeschadet aus den Auslagerungsorten nach Dresden zurück. Ein Großteil wird als Kriegsverlust vermerkt.
Bereits 1947 kontaktiert Erich Goslar, der Bevollmächtigte der Familien Victor und Ralph Leopold von Klemperer, die Landesregierung Sachsens. Herbert Otto wendet sich 1948 an die Verwaltung des Schlosses Moritzburg, um den Verbleib der elterlichen Sammlung zu erfragen.
Objekte aus dem Besitz der Familie von Klemperer, die in den 1950er Jahren nach Dresden zurückkehren, werden dennoch nicht an die Erben restituiert, da es in der sowjetischen Besatzungszone keine geltenden Rückerstattungsgesetze gibt.
Restitution und Schenkung
Porzellansammlung, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Mit dem Ende der DDR 1989 beginnt der verstärkte Austausch zwischen den Nachkommen der Familie von Klemperer und den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. 1990 erfolgt der Beschluss, dass sie die vorhandenen Porzellane an die Familie von Klemperer restituiert werden.
Schon ein Jahr später können 86 Kunstwerke an die Familie übergeben werden. Trotz allen Unrechts, das ihnen in ihrer Heimat widerfahren war, schenken die Erben von Klemperer den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden davon 63 bedeutende Porzellane.
Das Forschungsprojekt
Mit der ersten Restitution 1991 ist die Arbeit der Porzellansammlung nicht abgeschlossen. Seit 2006 wird die gesamte Sammlung überprüft. Durch diese Recherchen können im April 2010 weitere 227 Porzellane an die Erben restituiert werden. Seitdem werden bei Funden in den Sammlungen laufend weitere Porzellane an die Erben restituiert.
Insgesamt umfasst die Sammlung von Klemperer nach den Recherchen eines umfassenden Forschungsprojektes der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 926 Objekte. Der größte Teil dieser Sammlung – etwa zwei Drittel – gilt bis heute als verschollen.
Porzellansammlung, Staatliche Kunstsammlungen Dresden


